Bücher - Schreiberei

Corona - Wie ich durch die Krise kam!

1.

Es ist ein warmer Samstagabend im Spätsommer. Wir sitzen im wunderschönen Biergarten des Landgasthaus Jeinsen. Es ist rappelvoll. Die Tische stehen dicht an dicht, viel dichter, als es früher der Fall war. Ein wunderschönes Gedränge. Ein Gedränge, das in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen des Frühjahrs und Sommers undenkbar war. Endlich scheint das Schlimmste vorüber. Die Menschen dürfen sich endlich wieder treffen, sich in die Arme nehmen. Es ist laut. Die Menschen lachen, schwatzen und rennen freudig durcheinander. Die Wirt(h)sleute Franzi und Daniel strahlen. Sie und ihr Team haben wie immer alles auf das Schönste vorbereitet. Es ist kein normaler Samstagabend, der die Menschen in den Biergarten gezogen hat. Es ist ein Bürgerfest. Der Bürgerverein hat eingeladen. Wir wollen feiern. Feiern, dass wir ein Stück unserer geliebten „Normalität“ zurückhaben.

Aber diese „Normalität“ hat sich in den letzten Monaten auf eine besondere Weise verändert. Die Menschen haben sich verändert, sind irgendwie freundlicher geworden. Zugewandter. Aufmerksamer. Achtsamer. Hier im Biergarten sitzen heute Menschen gemeinsam an einem Tisch, die sich früher nicht einmal gegrüßt haben, die sich vor der Krise nicht einmal wahrgenommen haben.

Was ist passiert, wie kam es dazu?

Erst war es nur eine regional begrenzte Virusinfektion in China. Corona. Gab es schon. Nix Neues. Aber dann überschlugen sich die Ereignisse in China. Zigtausende infizierten sich, Tausende starben. Die ganze Region wurde hermetisch abgeriegelt. Was ist da denn los? Na, wird schon nix passieren.

Die Menschen flogen wie gewohnt um die Welt, besuchten Konferenzen, machten Urlaub, feierten fröhlich in den Skigebieten und natürlich den Karneval, kamen zurück… und die Pandemie nahm ihren Lauf. Das neuartige Virus mit dem etwas kryptischen Namen SARS-CoV-2 breitete sich in Windeseile aus, erfasste andere Teile Asiens, dann auch Europas, der Vereinigten Staaten, der ganzen Welt. „Ist doch nur sowas wie eine Grippe.“, meinten die Einen, „die Welt geht unter!“, unkten die Anderen…

2.

Ja, es war eine schwierige Zeit. Damals. Anfang des Jahres. Die Welt, wie wir sie kannten, drohte auf einmal völlig aus den Fugen geraten. Alles, was bis dahin noch normal, richtig und wichtig war, geriet durcheinander.

Wie ist es überhaupt dazu gekommen und was war das denn nun für ein geheimnisvolles und totbringendes Virus, das die ganze Welt steil gehen ließ? Ein Corona-Virus, sagten die Experten.  Gut, Corona-Viren sind schon lange bekannt. Aber dieses war neu und irgendwie anders. Vor allem wussten wir nicht viel über diese neue Bedrohung. Wir nicht – und die Experten auch nicht.

Virologen und die WHO hatten schon länger vor einer Pandemie mit einem solchen Erreger gewarnt und Schreckensszenarien an die Wand gemalt. „Wir sind nicht darauf vorbereitet!“, hieß es, „ es wird Tausende dahinraffen!“, hieß es. Es hieß: „Wir werden in eine globale Katastrophe steuern, wenn wir das weiterhin ignorieren!“  So hieß es.

Aber das wurde nicht weiter ernst genommen. „Medial gehypte Panikmache!“, war die stereotype Antwort vieler politisch Verantwortlichen und wiegelten ab. Statt sich diesen eindringlichen Warnungen von Fachleuten zu stellen und sich strategisch darauf vorzubereiten,  wurden in vielen Ländern in den letzten Jahren die Gesundheitssysteme systematisch kaputtgespart. Personalkosten wurden zugunsten hoher Renditen für die Aktionäre privatisierter Krankenhäuser eingespart, die Produktion von Medikamenten und Schutzausrüstung ins kostengünstigere Asien ausgelagert und es herrschte schon lange vor dieser Pandemie ein akuter Pflegenotstand in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Nicht nur in Deutschland. 

Und dann war es plötzlich doch passiert. Dieses neuartige Virus breitete sich über die ganze Welt aus. Und Anfang Februar hatte es auch Deutschland und Europa erreicht. Erst waren es nur ein paar Mitarbeiter eines bayrischen Autozulieferers, die zuvor geschäftlich in China waren. „Das bekommen wir in den Griff.“, beruhigte die Bundesregierung. „Wir werden alles tun, um die Infektionsketten nachzuverfolgen und zu unterbrechen.“, versicherte der Bundesgesundheitsminister und schob nach: „Unser Gesundheitssystem ist bestens für einen solchen Fall aufgestellt.“

Unterdessen gingen vielerorts (einige Städte haben zumindest den Rosenmontagszug abgesagt) trotz eingehender Warnung von Epidemiologen die Karnevals-Jecken auf die Straße, schunkelten und knutschten sich kölschselig durch die Kneipen  und die Après-Ski-Hasen in Ischgl, Kitzbühel und den anderen einschlägigen Wintersportgebieten feierten, dass es eine helle Freude war. Allen Warnungen zum Trotz…

3.

Das ging ja mal leider völlig daneben. War klar. Eigentlich war das klar. Wenn man denn den wirklichen Experten zugehört hätte, dann war das klar.  Aber wer hatte das schon?

Denn zur größten Verwunderung vieler und allen Warnungen der Fachleute entsprechend, schnellte die Zahl der Infektionen sprunghaft nach oben. Erst in NRW, dann in Bayern und Baden-Württemberg, vor allem aber in Italien, Frankreich und Spanien. Und auch die Zahl derer, die an dieser völlig harmlosen Erkältung völlig übertriebenermaßen verstarben, stieg unaufhörlich.

„Ja, um Himmels willen, wer konnte denn wohl mit sowas rechnen???“, rätselten die Zweifler und Abwiegler landauf, landab.

„Ich!“, sagte Professor Drosten, Virologe an der Charité in Berlin, auf Phoenix, Deutschlandfunk und allen anderen wirklichen Nachrichtenkanälen. „Wir haben das doch schon lange vorausgesagt!“ Aber, wer guckt oder hört denn sowas?

„Alles halb so wild und von der Lügenpresse und den Staatsmedien völlig übertrieben dargestellt! Jede Grippe fordert jährlich viel mehr Tote!“, stimmten die „Fake-News!“-Schreihälse der AfD zu bei Facebook.

„Nein!“, widersprach Professor Wieler vom Robert-Koch-Institut während der täglichen  Bundespressekonferenz. „Pah, was wissen die schon?“, ätzte das Netz.

Die wildesten Verschwörungstheorien machten in den - ach so – „sozialen“ sozialen Netzwerken die Runde. Die selbsternannten Experten mit Aluhut und selbstgebasteltem Reichsbürgerpass mutmaßten und spekulierten wild darüber, wer denn wohl hinter der Ausbreitung dieser Panikmache  stecken möge und würde. Die Pharmaindustrie, die schon wieder teure  Impfpräparate und Medikamenteverkaufen will? Die Gewerkschaft der Pflegekräfte, die höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen will? Das internationale „Finanzjudentum“, das man ja immer für irgendeine Katastrophe verantwortlich machte? CIA, MAD oder FDH, die schon immer für Gesundschrumpfung waren? Den sogenannten „Islamischen Staat“ (der diese weltweite Seuche aber ausnahms- und sonderbarerweise gar nicht „für sich“ reklamierte, wo der IS doch sonst jedes Erdbeben und jeden Durchfall „für sich“ reklamierte…)? Merkels geheimer „Umvolkungsplan“? Oder am Ende doch die Klopapier-Lobby? Es war abenteuerlich, was es bei Facebook, Instagram und Co zu lesen und zu sehen gab. Haarsträubend.

Der Bundesgesundheitsminister gab derweil bekannt, dass man alles tue, was es in einer solchen Situation zu tun gäbe. Und außerdem sei man ja bestens aufgestellt, und unser Gesundheitssystem sei das effizienteste der Welt und somit quasi immun gegen Verhältnisse, wie sie in Italien oder Frankreich herrschten. (Oder bereits in Heinsberg in NRW. Anmerkung des Verfassers.) Solle das doofe Virus doch kommen!

Und es kam.

Wirtschaftlich traf es mich. Sofort. Leider.

Wahrscheinlich  gehörte ich damals mit meiner kleinen Firma „themenwerk.MENSCH“ zu den ersten Kleinstunternehmern, die das zu spüren bekommen sollten, was sich da über unseren Häuptern zusammenbraute. Früher als andere. Daniel und Franzi, unsere Wirtsleute, Clemens, der Bäcker,  Dominik, unser Florist, Anja und Nicole, unsere Friseurinnen, Mario, unser Schrauber, Jens, unser Elektro-Installateur, unsere Bauern, Hans-Henning, Günther, Andreas, und wie sie alle heißen,… sie und ihre Mitarbeitenden merkten, ahnten und realisierten vielleicht etwas später, was das bedeutet. Sie und all die Kreativen, Anke, Mo Oh, Antje, die Betreiberin von „Kreatop“,  die Musiker*innen Elke und all die, die hier selbstständig oder freiberuflich tätig sind. Ich möchte hier niemanden vergessen. Wenn ich doch jemanden übersehen habe, bitte ich um Verzeihung.

Wahrscheinlich traf es mich einfach zuerst. Kontaktintensiver Beruf. Pech gehabt.

Die ersten Schulungen und Seminare wurden abgesagt. Fand ich schade, aber richtig. Ich selbst habe Anfang März sogar acht Schulklassen das jährliche soziale Kompetenz-Training, dass ich an dieser Schule seit vielen Jahren durchführe, abgesagt, weil ich ein ungutes Gefühl hatte und kein Risiko eingehen wollte. Für mich nicht und für Andere auch nicht. Fiel mir damals nicht leicht, fühlte sich aber richtig an. Warum auch immer, wir haben uns seitdem weitgehend zurückgezogen. Nur mal so. Für uns.

Die vielen Absagen und die damit einhergehenden finanziellen Einbußen passten uns gerade eigentlich nicht so gut, zumal der Verkauf unseres Hauses gerade völlig in die Hose gegangen war. Die „Käuferinnen“ hatten nicht bezahlt. Schlimmer noch. Sie hatten uns betrogen und uns erheblichen finanziellen Schaden zugefügt. Warum? Das wissen wir bis heute nicht. Wir hatten schon angefangen, unser neues Zuhause zu  bauen. War dumm.  Das ist aber eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden. Und nun noch Corona. Das war jetzt irgendwie doppelt doof. Das könnte lustig werden.

Wurde es aber nicht…

4.

Nein, es wurde beileibe nicht lustig. Für uns nicht, aber für alle anderen auch nicht. So what?! Und da wir an der Situation selbst nichts ändern konnten, an unserer persönlichen nicht und auch an der allgemeinen nicht, machten wir eben das Beste daraus. Was blieb uns auch? Rumjammern wollten wir nicht. Rumjammern fanden wir schon immer blöd. Aber was war nun das Beste?  Wir begaben uns einfach schon sehr früh in eine selbstauferlegte Quarantäne und schotteten uns weitgehend ab. Zumal wir beide zu den sogenannten Risikogruppen gehören. Wozu sollten wir ein Risiko eingehen? Und anderen zum Risiko werden? Das wollten wir schon mal gar nicht.

Eigentlich war das sehr gemütlich. Wir hatten viel Zeit füreinander und miteinander, wir skypten mit unseren Jungs, die in der Schweiz und in Österreich leben, diskutierten mit Einstein, Gott und meinen Brüdern, (das versteht nur, wer es gelesen hat) , wir räumten die Bude auf, kochten andauernd leckeres Essen, pflügten den Garten um, gingen viel an die frische Luft und hatten uns gut in der Isolation eingerichtet. Eine wunderbare Entschleunigung packte uns und das tut gut. Trotz aller Sorgen.

Wir merkten auch, dass wir viel nachhaltiger einkauften und nicht mehr so viele Lebensmittel wegwarfen. Jeden dritten Tag kochten wir eine gedrängte Reste- und Kühlschrankübersicht. War auch lecker. Meistens. Nicht immer. Aber es war okay. (Wir würden so gern mal wieder lecker essen gehen…)

Wir merkten obendrein, dass wir viel Geld, das wir sonst so sorglos unter die Menschen brachten, und was wir zum Glück bisher auch recht sorgenfrei tun konnten,  eingespart haben. (Sorry, Daniel und Franzi. Wir machen das wieder gut. Versprochen. Leider werden wir das für euch nicht aufholen können. Ich weiß, was Ihr gelitten habt und immer noch leidet. Wir waren und sind  in Gedanken bei euch.) Aber ich war gedanklich auch bei meiner Friseurmeisterin, die so wichtig für mich ist, weil mein Vater immer sagte: „Ordnung im Kopf beginnt mit Ordnung auf dem Kopf!“, und Ordnung in meinen Gedanken mir immer so wichtig war und ist. Ich war und bin in meinen Gedanken bei Mario, meinem Tankstellenbetreiber (ich verbrauche kaum noch Benzin), und bei all denen, die uns bisher das Leben durch ihre Arbeit so angenehm machten und deren Dienstleistung wir in dieser Zeit nicht in  Anspruch nehmen konnten.  

Alles in allem ging es uns gut. Trotz Corona und Hausverkauf-Drama. Daran konnten wir ja im Moment auch nichts ändern. Also haben wir das zunächst einfach zu den Akten gelegt. Wir hatten zwar nix zu tun, aber auch nicht viel auszustehen. Anders, als so viele andere. Uns ging es dennoch gut. Trotz allem.

Anfang März hatte dann auch die Politik verstanden, dass uns das Corona-Virus mit voller Wucht treffen würde. Der ängstlich schielende Blick nach Italien, Frankreich, nach Spanien machte dann auch den meisten Menschen deutlich, was da auf uns zukommen könnte. Naja, vielleicht noch nicht den meisten, aber vielen. Zumindest hier.

Denn in den USA und dem Vereinigten Königreich zum Beispiel sah man das noch nicht. Aber die haben ja auch Donald Trump und Boris Johnson. Was sollte da schon passieren? Zwei Superhelden! Superer noch als Chuck Norris oder Elisabeth II. Viel superer! Trump, the best president ever (ever, ever!), taufte das Corona-Virus kurzerhand in „Chinesisches Virus“ um und sorgte damit – zack - dafür, dass es den Amerikanern nix anhaben können würde. Der wirrhäuptige Johnson erklärte, man sei ja schließlich aus der EU ausgetreten und damit absolut sicher, und Wladimir Putin, selbsternannter Zar von Russland,  wollte sich dem Virus persönlich entgegenstellen. Mit nacktem Oberkörper natürlich.

Die Liste der politischen Vollpfosten lässt sich schier endlos fortsetzen. Der brasilianische Präsident und bewährte Oberbrandmeister Jair Bolsonaro nannte das Virus einen Witz und forderte seine Bürger*innen zum demonstrativen Händeschütteln und Umarmen auf, der ungarische Regierungschef Victor Orban meinte, das sei alles ein westeuropäisches Problem und läge an den Migranten. Sowieso. Und in der Türkei war unter Erdogan alles voll supi. Wie immer. Sagte der Erdogan. Der Ober-Pope der russisch-orthodoxen Kirche machte die Homosexuellen als Schuldige ausfindig. Klar, wen sonst!?

Kann man natürlich so machen. Geht dann eben in die Hose.

Bei uns in Deutschland reagierte die Politik zum Glück anders. Wenn auch zunächst noch etwas zögerlich. Wie auch in Österreich oder der Schweiz. Messen und Großveranstaltungen wurden abgesagt, Fußballspiele und Formel-1-Rennen wurden verschoben, die Bewegungsfreiheit ein wenig eingeschränkt. Man wollte die Ausbreitung des Virus unbedingt verlangsamen. Die Situation in Italien hatte sich dramatisch zugespitzt. Jeden Tag neue Horrornachrichten und -bilder. Die Zahl der Todesfälle nahm rasant zu und bald waren die Sterbefallzahlen in Italien höher als in China, wo der ganze Mist ja begonnen hatte. Dort flaute die Infektion sogar schon wieder ab. Das italienische Gesundheitssystem ging völlig in die Knie, Militär-LKW mussten die Leichen aus den Krankenhäusern holen. In Frankreich und Spanien herrschten bereits ähnliche Zustände. Landesweite Ausgangssperren wurden verhängt, Grenzen wurden geschlossen, um die Infektion mit dem Virus irgendwie zu verlangsamen. Wir waren entsetzt. Man musste jetzt reagieren. Die meisten Menschen realisierten allmählich auch, was sich da zusammenbraute. Viele. Aber nicht alle.

Im Netz wurden immer noch die verschwurbelsten Theorien, wer denn nun dahinterstecken könnte, zusammengeschwurbelt, es wurde diskutiert, gemahnt, beleidigt und das Ende heraufbeschworen. Die ganze liebe Facebook-Gemeinde  bewegte sich irgendwo zwischen Besorgnis, Panikmache, Beschwichtigung und Leugnung. Also eigentlich alles wie immer.

Inzwischen mehrten  sich die Meldungen über Hamsterkäufe. Überall kauften die Leute die Läden leer, als gäbe es morgen nichts mehr. Morgen nicht, und übermorgen nicht,  und überhaupt nie, nie wieder. Niemals. Never ever. Dabei waren Hamsterkäufe völlig blödsinnig. Ich habe übrigens keine Hamsterkäufe gemacht. Denn als ich realisierte, was sich da in den Supermärkten unseres Landes für dramatische, ja, teils herzzerreißende Szenen abspielten, war es zu spät. Alle Hamster waren ausverkauft. Nicht einer mehr zu bekommen. Nirgends. War ich eigentlich auch ganz froh drüber. Denn ich mochte Hamster gar nicht so gern. Nicht mal gegrillt. Ich wusste auch gar nicht, wie der Hamster uns durch die Krise hätte bringen wollen oder sollen. Keine Ahnung.

Aber Klopapier gab es merkwürdigerweise auch nicht mehr zu kaufen. Nicht eine Rolle. Über Wochen. Nix. Wir waren am Arsch. Sinnbildlich natürlich nur. Desinfektionsmittel waren offensichtlich auch heiß begehrt. War auch ratzfatz alle. Gut, da ist Alkohol drin. Könnte man sich damit später, falls es noch schlimmer kommen sollte,  vielleicht wenigstens noch ins Koma saufen. Das machte Sinn. Immerhin. Nudeln gab es natürlich auch nicht mehr. Außer Vollkornnudeln. Die gab und gibt es immer. Ich habe keinen Schimmer, wofür die überhaupt produziert werden. Das habe ich noch nie verstanden.

Ich fragte mich, was die Menschen wohl mit so viel Klopapier anfangen wollten. Wollten die das ihren Nachkommen vererben? „Mein letzter Wille: Chantal bekommt 500 Rollen, Kevin bekommt 700 Rollen, weil er so gern Nudeln isst, und Justin-Romeo bekommt 1000 Rollen, weil er so ein Riesenarschloch ist.“

Es blieb mir ein Rätsel.

Bis heute.

5.

Als die Infektionen nun auch in Deutschland exponentiell in die Höhe schnellten, und damit auch die Todesfälle, bekamen die Regierenden allmählich kalte Füße. So konnte es ja nicht weitergehen! Es wurden umgehend Schulen und Kitas geschlossen, Museen, Kneipen und Restaurants mussten dicht machen, Home-Offices und Home-Schooling wurden allerorten hektisch eingerichtet und die Börsen kackten in einem Maße ab, dass die Kursverluste während der Bankenkrise von 2009 geradezu niedlich dagegen wirkten.

Es sollte ab sofort ein Sicherheitsabstand von mindestens 1,50 Meter eingehalten und der körperliche Kontakt möglichst vermieden werden. Auf die Wichtigkeit des regelmäßigen Händewaschens (mindestens zwanzig Sekunden!!!) wurde auf allen Kanälen nachdrücklich hingewiesen. Es wurden sogar Videoclips gedreht, die den lieben Mitbürgerinnen und Mitbürgern erklären sollten, wie man das macht. Ohne diese visuellen Anleitungen hätte ich gar nicht gewusst, was ich mit diesem Stück Seife in den Händen, die ich wie zufällig unter dem laufenden Wasserhahn positioniert hatte, hätte anfangen sollen. Danke dafür.

Die Bundeskanzlerin ermahnte uns in einer Fernsehansprache, wir sollten uns gefälligst an die Regeln halten und drohte mit Stubenarrest für den Fall, dass wir nicht brav wären. Ich hatte das Gefühl, die Leute in Jeinsen knallten die Hacken zusammen, legten die Hände an die Hosennaht und sagten: „Ja, Mutti.“ Hier hielten sich die Menschen wirklich sehr früh an die neuen Maßgaben. Auch die Stadt Pattensen stellte sich darauf ein. Die Verwaltung unserer Kleinstadt leistete unter der Führung unserer Bürgermeisterin Ramona Schumann und der Orts-Bürgermeister*innen der jeweiligen Ortsteile eine wirklich großartige Arbeit. Knöllchen für Falschparker wurden aber dennoch schonungslos verteilt. Es galt, die öffentliche Ordnung um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Auf keinen Fall duften jetzt auch noch Chaos und Anarchie ausbrechen. Das galt es unbedingt zu vermeiden. Ich war stolz auf unsere kleine Stadt. Wirklich.

#socialdistancing# und  #stayhome!# waren die Hashtags dieser Zeit. Und natürlich reagierten die Menschen allerorten irgendwie darauf. Sie waren entweder besorgt oder vernünftig, zeigten sich  gelassen oder panisch, und manche reagierten auch gar nicht. Ganz, wie es gerade beliebte. Besonders die Kinder und Jugendlichen freuten sich zunächst wie Bolle über die unverhofften Ferien, hingen in den Einkaufszentren rum, feierten lautstarke Corona-Partys oder verseuchten die Spielplätze. Menschen grillten in Gruppen in den Parkanlagen, man traf sich vor den letzten noch offenen Eisdielen und Gaststätten, besonders die Älteren genossen das Beisammensein in vollen Zügen. Ein Heidenspaß. Allerdings nicht für alle.

Denn all die Menschen, die im Gesundheitswesen tätig waren, ob in Krankenhäusern, in Pflege- und Altenheimen, bei ambulanten Pflegediensten, Physio- oder Arztpraxen und wo es sei, die hatten nämlich gar keinen Spaß. Überhaupt nicht. Die hatten nicht mal Schutzmasken oder -kleidung. Oder Desinfektionsmittel. Die hatten nix. Nur unvorstellbaren Stress. Ups, da hatte das effizienteste Gesundheitssystem der Welt wohl vergessen, sich ausreichend mit solchen Utensilien einzudecken, damit die, die im Falle einer Pandemie an vorderster Front Menschenleben zu retten versuchen würden, wenigstens geschützt sind. Böse Panne. Und natürlich würde man nun alles unternehmen, um schnellstens genügend Masken, Kittel und Desinfektionsmittel zu beschaffen. Zur Not im Ausland. Das Dumme an einer solchen Pandemie war nur, dass sie auch im Ausland – und vor allem dort – wütete. Und es folglich auch dort nix mehr gab. Auch kein Klopapier. Nur Vollkornnudeln. Selbst den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft dämmerte, dass es vielleicht doch nicht die allerbeste Idee war, das Gesundheitssystem systematisch kaputtzusparen und die Produktion von Medikamenten und Schutzausrüstung, Beatmungsgeräten und Desinfektionsmitteln, überhaupt von allem Lebensnotwendigen aus Kostengründen und Renditeerwartungen in lohnbilligere Länder Osteuropas und Asiens zu verlagern. Der Turbo-Kapitalismus zeigte nicht nur seine hässliche Fratze, er zeigte sich auch in seiner Unfähigkeit, für das Gemeinwohl zu sorgen. Das muss ja auch mal gesagt werden!

Unser Gesundheitssystem und wir alle waren ja sowas von gut vorbereitet.

Überhaupt entbrannte in diesen Tagen eine Diskussion darüber, ob wir nicht vielleicht dummerweise ausgerechnet die Berufsgruppen am schlechtesten bezahlen und behandeln, auf die wir im Krisenfall am meisten angewiesen sind: Pflegekräfte, Altenpfleger*innen, die Mitarbeiter*innen im Lebensmittel-Einzelhandel, die von verängstigten Kund*innen zusammengeschissen wurde, weil kein Klopapier mehr zu bekommen war, Polizist*innen,  Paketbot*innen und Briefzusteller*innen, Rettungskräfte, Müllwerker*innen und so weiter. (***! -Ja, ist nervig. Aber es ist wichtig - auch in diesen schwierigen Zeiten - sich sprachlich nicht gehen zu lassen und genderneutral und politisch korrekt zu schreiben. Auch, wenn Krise ist! Wir wollen ja nicht völlig verloddern. Auch gedanklich nicht!)

Über diese Berufsgruppen und deren Wertschätzung – und überhaupt über unser Wirtschaftssystem und unsere Wirtschaftsweise - wird nach der Krise dringend zu reden sein. Klatschen von Balkonen wird da nicht reichen. Ich hoffe sehr, dass dieses Thema dann nicht wieder in der Versenkung verschwindet.

Wie systemrelevant Friseur*innen und Kosmetiker*innen sind, würde sich spätestens in ein paar Wochen herausstellen. 😬 Und beim Home-Schooling schwante es vielen Eltern auch schon allmählich, dass vielleicht doch nicht die Lehrer*innen das Problem sind. 🙈

6.

 (Nebenbei, ich freue mich übrigens sehr, wenn das hier überhaupt noch jemand verfolgt. Wenn nicht, auch nicht schlimm. Meine Frau liest das auch nicht. Meine Söhne wahrscheinlich auch nicht, schon allein, weil das Internetz – glaube ich – gar nicht bis in die Schweiz und nach Österreich reicht. Es reicht ja selbst hier oft nicht. Nicht mal, um die Störungsstelle zu erreichen. Aber naja…)

Jetzt aber:

6.1

Und dann kam der Shutdown. Stubenarrest. Für alle. Sofort. Mutti hatte das ja angedroht und es haben sich natürlich nicht alle so daran gehalten, dass es auch ohne diese freiheitseinschränkende Maßnahme gegangen wäre. Mutti bedauerte diesen Schritt mit den Worten: „Es geht um Ihren Schutz!“, und ich erinnerte mich ein wenig an meinen Vater, der mir, wenn er mir mal den Arsch versohlte, stets versicherte: „Junge, mir tut es mehr weh als dir!“. Aha! Wenigstens das. Ich war in solchen Momenten immer sehr erleichtert und beruhigt.  Und ein bisschen tat er mir dann auch immer leid. Wegen seiner Schmerzen. Aber wahrscheinlich ist das auch etwas völlig Anderes und gehört daher auch gar nicht hierher. Ich war aber auch erleichtert und beruhigt – und daher gehört es vielleicht doch hierher -, als der Bund und die Länder sich zu dieser Maßnahme durchrangen. Ich fand, es wurde Zeit, denn alles andere zog offensichtlich nicht. Und irgendwie musste die Kurve der Neuinfektionen gedrückt werden. Die vielen medialen Aufrufe #flattenthecurve! reichten offensichtlich nicht aus. Also mussten die Zügel und Daumenschrauben angezogen werden.

Nun also Stubenarrest. Kontaktsperre. Zumindest für all diejenigen, die nicht in systemrelevanten Berufen arbeiteten, hieß es nun: Zuhause bleiben. Basta. Rausgehen nur mit Haushaltsangehörigen erlaubt. Oder zu zweit. Mehr nicht. Und auch nur zum Einkaufen, für Arztbesuche, um einmal Luft zu schnappen oder draußen ein wenig Individualsport zu treiben. Aber nur zu zweit! Wir waren zum Glück nur zwei.

Da hatten wir Landeier es mit der Weite des Calenberger Landes sowieso erheblich besser als all die vielen Millionen armen Menschen, die sich in ihren Stadtwohnungen aufhalten mussten. Zusammengepfercht mit der eigenen Familie. Schrecklich. Ohne sich so richtig aus dem Weg gehen zu können. Ohne Bundesliga im Fernsehen. Vielleicht sogar mit sozialen Problemen. Eheprobleme, finanzielle Sorgen, Sucht und was alles mehr das Familienleben ohnehin schon für viele Menschen schwierig oder sogar unerträglich machte. Es war zu befürchten, dass die häusliche Gewalt deutlich zunehmen würde, wenn die sich nun auch noch den ganzen lieben, langweiligen Tag auf der Pelle hocken mussten. Das mochte ich mir gar nicht ausmalen.

Und wie musste das jetzt wohl erst für die vielen Obdachlosen sein, weil ja nicht mal mehr die Tafeln offen hatten und auch kaum noch jemand vorbeikam, um wenigstens einen Euro für sie zu spenden? Von den katastrophalen Verhältnissen in den Flüchtlingslagern in der Türkei oder Griechenland ganz zu schweigen. Oder in Indien…, oder in Afrika…,  oder in den ganzen Elendsvierteln der Metropolen in der ganzen Welt. Davon redete in dieser Zeit niemand. Die hatte man einfach sich selbst überlassen.  

Was für ein Vorteil, wenn man auf dem Land lebt! Aber das haben wir ja schon immer gesagt. Außer man braucht schnelles Internet. Oder einen Bus. Dann ist das natürlich etwas Anderes. Dann ist das nicht so schön. Dann ist das sogar doof. Richtig doof sogar. Aber jetzt war es ein Riesenvorteil. Jetzt brauchte so gut wie niemand einen Bus. Und an schnelles Internet waren wir ja auch noch gar nicht gewöhnt. Damit hätten wir Landeier wohl auch gar nicht umgehen können. Wie auch?! Da half es auch nicht, dass die einschlägigen Porno-Internet-Plattformen uns allen einen kostenlosen Premium-Zugang gewährten. Da hatten wir gar nix von. Mist.

Wir hatten also eigentlich nix auf dem Land. Außer unendliche Weiten und viel frische Luft. Aber wir hatten den Landfrauenverein! Und diese Damen darf man niemals, nie und nimmer nicht, unterschätzen. (Sorry, wenn ich Pornhub und den Landfrauenverein hier textlich etwas zu eng zusammengerückt habe. 😬. Vielleicht hätte ich das etwas auseinanderzerren sollen 🙈.)

Wahrscheinlich sind die Landrauen irgendwann nach dem Krieg mal aus den sogenannten Trümmerfrauen hervorgegangen. Das ist historisch sicher nicht richtig, wahrscheinlich sogar eher vollkommen falsch, aber gefühlt eben doch. Denn die Trümmerfrauen haben nach dem Krieg unser Land schon einmal mit ihrem unermüdlichen Einsatz aus der Scheiße gehauen. Und so nun auch unsere Landfrauen. Auch wenn sie nicht mit Spitzhacke und Hammer ans Werk gingen, so rotteten sie sich doch zusammen, um massenhaft Mund-Nasen-Masken zu nähen. Es wurden Nähmaschinen zusammengetragen, Stoffe und Garne beschafft, Textilgummi und lecker Kaffee zur Verfügung gestellt, und schon ging die Produktion los. Masken für die Dorfbevölkerung, für die Pflegekräfte in Alten- Und Pflegeheimen in der näheren Umgebung oder auch für die Diakonischen Werke in Himmelsthür. Mund-Nasen-Masken für alle!

„Der Charakter zeigt sich in der Krise!“, hatte der Altbundeskanzler Helmut Schmidt mal gesagt. Recht hat er. Und die Landfrauen bewiesen Charakter. Ich war begeistert.

„Mund-Nasen-Schutz“ oder gar „Atem-Schutz“ dufte man übrigens gar nicht mehr sagen, seit sich eine besonders perfides Berufsgruppe daran gemacht hatte, zu überprüfen, ob nicht jemand gegen den geschützten und vielleicht auch etwas irreführenden Begriff „Schutz“ verstoßen hatte. Den könnte man sich jetzt ja mal prima vornehmen, verklagen oder zumindest finanziell ordentlich ausnehmen. Die Abmahn-Anwälte. Was für eine widerliche Tätigkeit. Das Internet zu durchsuchen, ob nicht irgendwo irgendjemand irgendetwas falsch gemacht oder übersehen hat, was man ihm oder ihr an den Hals hängen könnte. Widerlich. Der Charakter zeigt sich in der Krise. Aber das sagte Herr Schmidt ja schon. Recht hat er.

Und wir hatten unseren Bürgerverein. (Vielleicht hätte ich die Leute vom Bürgerverein  näher an den kostenlosen Premiumzugang zu  Pornhub stellen sollen? Aber ob denen das nun so recht gewesen wäre… ?  Dann müssten die Landfrauen da jetzt nicht stehen…🤔) Sei es drum. Ich kann und will mir jetzt auch nicht deren Kopf zerbrechen. Der Bürgerverein organisierte einen Einkaufdienst und Nachbarschaftshilfe für Menschen, die nicht allein einkaufen konnten, das Landgasthaus stellte kurzerhand auf afrikanische Küche an und bot Essen aus „Togo“ an. Man konnte das sogar abholen oder sich liefern lassen. Wir richteten ein Sorgentelefon ein, es gab dies und das und man half sich gegenseitig so gut es eben unter diesen Umständen ging.

Wie sagte noch Herr Schmidt? Ja, richtig…

Aber das wissen Sie ja schon.

7.

Neben der sich immer mehr zuspitzenden medizinischen Krise, zeichnete sich seit Wochen noch eine andere Gefahr ab. Die Wirtschaft könnte und würde wohl großen Schaden nehmen, und nun wurden auch die Rufe nach staatlicher Wirtschaftshilfe lauter und lauter. Schließlich führte der Stubenarrest dazu, dass die Wirtschaft fast vollkommen zum Erliegen kam.

Millionen großer und kleiner Betriebe waren in ihrer Existenz bedroht. Die großen Autobauer stoppten ihre Produktion, den Fluggesellschaften wurden die Flügel abgeschraubt, in allen Restaurants und Gaststätten (außer bei denjenigen, die afrikanische Speisen aus „Togo“ anboten) blieben die Küchen kalt, Bars soffen ab, in Kinos gingen die Lichter aus, Theater blieben stumm. Alles dicht. Ja, selbst in den Bordellen wurde der Verkehr eingestellt und die Betten abgezogen. Da ging nix mehr.

Filialen-Großbäcker heulten vor laufenden Kameras, Weltkonzerne trugen auf den einschlägigen Nachrichtensendern gebetsmühlenartig vor, dass sie ja nun alle schlagartig und für immer völlig ruiniert wären, mimimi 😩😩😩, es sei denn, der Staat würde sofort, umgehend und natürlich auf der Stelle, weitreichendste Steuererleichterungen, Subventionszusagen, Kreditgarantien und -haftungsübernahmen, Zuschüsse für Kurzarbeitergeld, Reinigungszulage und Gehwegreinigung übernehmen. Die Wirtschaft stand vor dem Abgrund. Und dem Zusammenbruch. Und dem Chaos. Und dem Ruin. Gründlich und für immer. Echt jetzt. Und damit eben auch all die Menschen, die in diesen Betrieben ihren Lebensunterhalt verdienten.

Dazu kamen noch all die Klein- und Kleinstunternehmer*innen, Blumenhändler*innen, Friseur*innen, Schuhgeschäft*innen und überhaupt alle Einzelhandelsgeschäfte, die dummerweise keine Lebensmittel im Sortiment hatten. Wenn es wenigstens noch irgendwo ein Klopapierfachgeschäft gegeben hätte, dann hätte das sicher ausnahmsweise auch geöffnet bleiben dürfen. Wahrscheinlich. (Eigentlich eine gute Geschäftsidee… 🤔)

Und natürlich durften auch die unzähligen Solo-Selbstständigen und Freiberufler*innen nicht hinten runterfallen. Künstler, Schauspieler, Architekten, Trauerredner, Flohzüchter und all die hauptberuflichen Lebenskünstler, Weltverbesserer und Reichsbedenkenträger. (Das gendergerechte „*innen“ können Sie sich jetzt einfach mal hinter jedes Wort, wo es passt, hindenken. Ich spar mir das jetzt einfach mal. 😎)

Jeder, der jetzt irgendwie von der Krise und dem wirtschaftlichen Lockdown betroffen war, vom Global-Player bis zum freiberuflichen Nasenbohrer, war jetzt mit Sicherheit und ganz bestimmt der aller-aller-Ärmste, der am härtesten-von-allen-Betroffene, der am tiefsten-Verzweifelte, der am Schlimmsten-Dranne, der am meisten-im-Stich-Gelassenste von allen und das völlig-am-Arsch-seiendste Opfer von großkapitalistischer Verteilungsungerechtigkeit. Und alle *innen natürlich auch. Den *innen ging es mindestens genauso schlecht. Es war ein Trauerspiel.

Und so ganz leise, still und heimlich - bloß so für mich -, fragte ich mich, wie denn all diese Großkonzerne und mittelständischen Unternehmen bisher bloß überleben konnten, wenn ihnen schon nach zwei Tagen ohne Staatsknete die Luft ausging? Das fragte ich mich bei den vielen Menschen, die nun wahrscheinlich von Kurzarbeitergeld betroffen sein würden, denen die Minijobs wegbrachen oder bei all den kleinen und klitzekleinen von-der-Hand-in-den-Mund-Unternehmern natürlich nicht. Ich wusste ja, was das für sie bedeuten würde. Da würde bei vielen sicher die Liquiditätsdecke sehr dünn sein. Wenn es denn überhaupt eine gab. So schlecht ging es uns zum Glück nicht. Wir könnten das zur Not wohl ein paar Monate durchhalten. Zum Glück.

Und – oh Wunder – allen Unkenrufen und Weltuntergangsbeschwörungen zum Trotz reagierte die Regierung mit ungekannter Geschwindigkeit und in nie dagewesener Größenordnung. Scholz holte die Bazooka raus und versprach, die Milliarden nur so ins Land zu ballern. Hier, 100 Milliarden als Kurzarbeitergeld! Peng! Und hier, 500 Milliarden als niedrigbezinste Hilfskredite von der KfW! Bämm! Und das auch noch vom Bund mit 90 Prozent Ausfallhaftung besichert! Rums. Und auch das noch: 150 Milliarden Sofort-Hilfe für klamme Unternehmen! Unbürokratisch und als Zuschuss! Bitte sehr! (Es ging zu wie auf dem Fischmarkt.) Und obendrein, 600 Milliarden aus dem ESM! Tada! (Mir wurde allmählich schwindelig) Und, bevor jemand quakt, hier hätten wir noch mal 50 Milliarden als Zuschuss für Kleinstunternehmen und Solo-Selbstständige! Patsch! Steuervorauszahlungen? Nicht mehr nötig! Kawumm!

Ja, Scholz, aber auch die Länderfinanzminister, hauten die Kohle raus, dass es nur so spritzte. Hatte sich die schwarze Null des hanseatischen Finanzkrämers Olaf Scholz und dessen Vorgängers, der schwäbischen Hausfrau Wolfgang Schäuble doch nicht als Nullnummer erwiesen. Respekt!

8.

Ja, es war schon erstaunlich, mit wieviel Vehemenz und Willenskraft die Regierungen in Bund und Ländern zur Sache gingen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, die Wirtschaft zu retten und die ökonomischen Folgen der Krise abzufangen. Die Koalition und fast die gesamte Opposition zogen weitgehend an einem Strang. Was sollte es da auch schon großartig zu opponieren geben? Krisenzeit ist immer auch Regierungszeit, zumindest, wenn da nicht nur solche Vollpfosten wie Trump oder Johnson sitzen.

Aber auch im Deutschen Bundestag gab es ein kleines Häufchen unbelehrbarer Dauerdeppen vom rechten Rand, der (das Reflexiv-Pronomen „der“ ist hier richtig, weil es sich auf das Substantiv „Häufchen“ bezieht. Nicht auf die Dauerdeppen. Anm. des Grammatikbeauftragten.) doch allen Ernstes immer noch behauptete, dass all die Maßnahmen, die Bund und Länder zur Bekämpfung  sowohl der medizinischen als auch der wirtschaftlichen Folgen ergriffen hatte, völlig falsch und maßlos übertrieben seien. Schließlich handele es sich bei SARS-Cov-2 ja nur um einen ganz normalen Corona-Virus, der auch nicht schlimmer sei als eine stinknormale Grippe. (Wie dämlich kann man sein? Spätestens seit die Sache in Italien, Frankreich und Spanien völlig aus dem Ruder gelaufen war, konnte es doch auch der letzte Idiot sehen. Sachen gibt’s… 🙈.)

Die meisten einschlägigen Fachleute und Experten aus Gesundheitswesen und Wirtschaft hielten die Maßnahmen zwar für vollkommen angemessen,  richtig und vor allem für dringend notwendig, aber was wissen die denn schon? 🧐🧐🧐 Das sind doch bloß Experten! Und im besten Falle Fachleute! Und allerhöchstens Kapazitäten auf ihrem Gebiet. Aber zumeist doch eben nur Sachverständige, die schon deswegen keine Ahnung hätten, weil sie ja was von der Sache verstanden.... Ist klar.

Die Freaks von der AfD hingegen waren ja…, hmm 🤔, was waren die noch?... Ach ja, die waren……………………… (Das hier ist jetzt ganz bewusst als Lückentext gehalten, den jeder von Euch ganz individuell ausfüllen kann. Und wenn Ihr mögt, dann schreibt Ihr Euer Wort einfach bei Facebook in die Kommentarleiste unter diesen Teil der Geschichte. Ich bin gespannt, was Euch dazu so einfällt. 😎)

Aber kaum hatte Olaf Scholz uns mit seiner Wumme salvenweise Hilfspakete und Versprechen um die Ohren geballert, fingen nach gefühlten fünf Minuten schon wieder alle an zu jammern: „Ist noch gar nix auf dem Konto angekommen, wusste ich es doch…😩“, „…das reicht doch sowieso nicht…😩“, „…ich kriege bestimmt wieder nix ab, weil mich als freischaffenden Miesepeter und Schwarzseher natürlich wieder keiner auf dem Zettel hat …😩“, „Kredite helfen mir nicht, wie soll ich die denn zurückzahlen? 😩“, „…man kann ja überhaupt noch nix beantragen, weil die Server immer zusammenbrechen…😩“, „…selbst, wenn man durchkommt, dann findet man da gar nix. Die vertrösten uns doch nur… 😩!“ ,und was es sonst noch so zu hören und zu lesen gab. Es war erbärmlich. Und wenn ich ehrlich bin, dann ging mir dieses Gejammere so richtig auf den Sack. Sorry, aber das muss ja mal gesagt werden. Jahaa, auch in dieser Deutlichkeit!

Natürlich war noch kein Geld auf dem Konto!!! Wie auch??? Natürlich konnte man an diesem Freitag, an dem Scholz und Altmeier das verkündet hatten, auch noch nix beantragen!!! Wie auch??? Hä? Und das lag ausnahmsweise nicht am deutschen Steinzeit-Internet. Und auch nicht daran, dass sich natürlich sofort alle gefühlten Krisenverlierer und Pleitegeier auf einmal auf die zuständigen Behörden-Server gestürzt haben. Nein, auch das war nicht der Grund dafür, dass die eben angekündigten Hilfsgelder („…dabei wurde es doch gerade angekündigt… 😩!“) immer noch nicht  die krisengeschundenen Konten der Großindustrie, des Mittelstandes, des Handwerks und der nebenberuflichen Pudelfriseure mit Linderung versahen. Nein.

Das lag schlicht und einfach – und eigentlich ist das auch gar nicht so schwer zu verstehen – daran, dass man Antragsformulare braucht, wenn man etwas beantragen möchte. Und diese Antragsformulare können – irgendwie auch logisch -  ja erst dann entworfen, erstellt und online gestellt werden, wenn es dafür Richtlinien und klare Vorgaben gibt. Und die konnte es erst geben, wenn die Parlamente die Hilfspakete auch beschlossen hätten, was natürlich an diesem Bazooka-Friday gar nicht möglich war. 🙇🏼🙇🏼🙇🏼

Liebe Leute, ich erkläre euch das jetzt mal: Wir leben in einer parlamentarischen Demokratie. Das bedeutet, dass niemand mal eben so - mir nix, dir nix - die Milliarden raushauen kann, nur weil der Finger am Abzug juckt. Das kann eine Regierung zunächst nur ankündigen. Mehr nicht. Und das muss dann von den gewählten Abgeordneten beschlossen und in Gesetzesform gebracht werden. Dafür gibt es Regeln, Verfahren und Fristen. Und wenn der Bundestag dann zustimmt, dann kann das erst von den Behörden, Anlaufstellen und zuständigen Ämtern umgesetzt werden. Jaha, so ist das.

Das hat der Bundestag am darauffolgenden Mittwoch auch schleunigst nachgeholt. In erster, zweiter und sogar dritter Lesung wurden an einem Tag und in großer Einmütigkeit der meisten Abgeordneten, die entsprechenden Gesetze, die die Hilfspakete auf den Weg bringen sollten, beschlossen. Das gab es bisher noch nie, weil Gesetze ja eigentlich erst einmal in den Fachausschüssen beraten werden sollten. Besondere Ereignisse erfordern manchmal eben besondere Maßnahmen. Und noch in derselben Woche, wiederum Freitag, peitschte der Bundesrat die Hilfen durch die Länderkammer. Denn wir haben ja ein föderalen Staatsaufbau. Da ist das bei den meisten Gesetzen so. Jahaa! Und dann muss das Ganze auch  noch von unserem Staatsoberhaupt unterschrieben und im Deutschen Amtsblatt veröffentlicht werden. Wir hatten sogar Glück! Frank-Walter Steinmeier, unser Bundespräsident, hatte zufällig Zeit und war auch zuhause, und so konnte ein Parlamentsbüttel schnell mit dem Gesetzeszettel zum Schloss Bellevue radeln und so setzte der Frank-Walter noch am selben Tag seinen Frank-Walter darunter. Ich fand das ausgesprochen fix.

Wem das alles nicht schnell genug geht, der hat nicht verstanden, wie eine parlamentarische Demokratie funktioniert.  Und der kann sein Heil ja vielleicht in einer schönen Diktatur suchen. In Nordkorea vielleicht. In Nordkorea geht das sicher alles viel schneller. Echt jetzt.

Home-Schooling ist damit für heute beendet. Ab ins Bett.

Nix zu danken.

P.S. Dass sich das Sperrfeuer der Regierung gegen den wirtschaftlichen Niedergang des Landes – trotz aller Zusagen, die Hilfen dieses Mal unbürokratisch und niederschwellig über die Bühne zu bringen – für viele als Rohrkrepierer erwies, lag dann doch am deutsch-typischen überbordenden Bürokratismus und der Verweigerung der Banken, das Restausfallrisiko von zehn Prozent für Sofortkredite zu tragen.

Das wird dann noch separat zu betrachten und bewerten sein. Versprochen.

9.

Ich habe heute keine Lust.

10.

Wir, also meine Süße, unsere Katze und ich, waren unterdessen völlig aus der Zeit herausgefallen und lebten unser Leben wie in einem Wattebausch. Wohlig warm, weich und von den Widrigkeiten der Krise weitgehend verschont. (Wenn man denn von denn von den  eigenen wirtschaftlichen Folgen, die der Lockdown für uns hatte, und der Misere mit unserem Hausverkauf einmal absehen wollte. Und das wollten wir.)

Ja, es ging uns eigentlich ganz gut. Nein, es ging sogar ausgesprochen gut. Unsere Kinder wussten wir an ihren alpinen Lebensorten hinter den sieben Bergen in weitestgehender Sicherheit. Der Kleine studierte im Home-Office in Graz vor sich hin, lebte nun schon seit gut 6 Wochen 24/7 mit seiner Freundin auf 14 Quadratmetern in einem Zimmer im Studentenwohnheim - die konnten jetzt eigentlich auch heiraten, fanden wir -, der Große schuftete wie ein Brunnenputzer in der Schweiz in seiner Mühle, fuhr eine Schicht nach der nächsten und scheffelte ordentlich Schweizer Franken. Alles war gut. So waren sie beschäftigt und konnten uns nicht groß auf die Nerven gehen. (In Echt vermissten wir sie ganz schön dolle…☹)

Auch alle Freunde und Bekannten, alle Tanten und Verwandten, waren bisher um eine Ansteckung mit der Seuche herumgekommen, und so konnten wir recht frei von Sorgen um unsere Liebsten fröhlich in den Tag hineinleben.

Irgendwelche Termine, nach denen man seinen Tag strukturieren musste oder auch konnte, gab es ja auch so gut wie keine mehr. Das war zwar einerseits ungewohnt, aber andererseits  auch in besonderer Weise äußerst entspannend. Nach und nach stellte sich wieder ein ganz natürlicher Lebensrhythmus ein.

Wir standen auf, wenn wir wach wurden, wir aßen, wenn wir Hunger hatten, und gingen schlafen, wenn wir müde waren. Wochentag und Datum spielten kaum noch eine Rolle. Wir verbrauchten, was da war, wir gingen auf die Toilette, wenn wir Klopapier hatten,  wir spielten Rommé, wenn uns langweilig war. Wir sahen unseren eigenen  Haaren beim Wachsen zu, um so wenigstens ungefähr den Stand der Jahreszeit ermitteln zu können. Wenn ich in den Spiegel schaute, hatte ich allerdings immer das Gefühl, dass es wohl schon Mitte Oktober sein müsste. Dabei hatten wir erst Anfang April.

Dazwischen vertrieben wir uns die Zeit mit  ein bisschen Jagen und Sammeln und trugen mühsam zusammen, was die Ödnis der heimischen Reviere eben noch so hergab. Wir begaben uns immer erst abends gegen 21.00 h auf die Pirsch. Im Dunkel der Nacht. Der Vorteil war: die Läden waren weitgehend leer. Ja, einmal war ich sogar ganz allein im riesengroßen REWE-Center. Echt jetzt. So konnte ich mich ganz in Ruhe an das begehrte Bret heranpirschen. Der Nachteil war: die Läden waren weitgehend leer. Zumindest galt das für den Fall, dass man sich auf die Jagd nach Klopapier oder Nudeln gemacht hatte. Da war nach wie vor kein Fang zu machen. Außer Vollkornnudeln. Die lagen bleischwer im Regal wie ein alter, lebensmüder Hase, der sich dem tapferen und unerschrockenen Weidmann in der Hoffnung vor die Flinte schmeißt, er möge diesem elenden Dasein nun endlich ein Ende machen. Aber nix da. Noch war unsere Lage nicht so verzweifelt, dass ich den Vollkornnudeln nun den Gnadenschuss gegeben hätte. Noch war es nicht so weit.

Alles andere war eigentlich in ausreichendem Maße vorhanden. Wenn wir dann nach der Jagd nach Hause kamen, verstauten wir mit großem Halali die Früchte unserer wilden Hatz und freuten uns bei einem Glas Wein über unser Weidglück, das uns doch immer irgendwie hold blieb und uns genügend Vorräte bescherte. Nein, wir litten keinen Mangel. Irgendwie hatte diese Zeit etwas von Winterschlaf. Mitten im Frühling.

Das ganze Land versank allmählich in einen tiefen Dornröschen-Schlaf und wartete geduldig darauf, dass irgendjemand dahergeritten käme, es alsbald wachzuküssen. Auch die Königin des abgeschotteten teutonischen Landes begab sich in ihre Gemächer und schied sich von ihren Untertanen ab. Sie darbte bei selbstgekochter Erbsensuppe und Bügelwäsche und fieberte – bangen Herzens um ihr zurückgelassenes Volk -  dem Tag entgegen, an dem der königliche Leibarzt, der ihr die ganze Suppe übrigens erst eingebrockt hatte, sie aus der Abgeschiedenheit ihres Schlafgemachs  entlassen würde, damit sie sich wieder den Staatsgeschäften zuwenden und ihr geliebtes, und ach so arg gebeuteltes Volk endlich vom Banne der Tyrannei dieses Dämonen mit dem Namen Corona befreien könnte. Jaja.

Aus der Abgeschiedenheit der landesweiten Isolation konnte man im medialen Einerlei dieser Tage wie von Ferne die Diskussionen um Versorgungslage, Exit-Strategie, Hilfspakete und allgemeiner Masken-Pflicht verfolgen. Oder man konnte es auch lassen. Ganz so, wie es einem behagte.  Wir ließen es irgendwann. Ja, so war das. Damals. Anfang April. In Deutschland. Zum Glück hatten wir noch einen kleinen Vorrat „Knoppers“ zuhause.

11.

Hierzulande flachte die Infektionskurve ganz langsam ab. #flattenthecurve! und #stayhome! zeigten allmählich die ersten Erfolge. Es infizierten sich zwar immer noch sehr viele mit dem Virus, aber die Zahl der Neuinfizierten stieg nicht mehr ganz so schnell an wie in den vergangenen Tagen und Wochen. Auch die Zahl der zu beklagenden Todesopfer war zum Glück (noch) nicht so erschreckend hoch wie in den südlichen Ländern Europas. Toi, toi, toi. Dreimal auf Holz geklopft.

Allerdings war die Lage in vielen Alten- und Pflegeheime hochdramatisch. Hier starben viel zu viele Menschen, ob nun an Covid-19 oder mit Covid-19. Sicher, sie waren alt, viele von ihnen vorerkrankt, manche vielleicht sogar ohnehin schon im Sterbeprozess befindlich. Aber dennoch: sie waren eben auch alle infiziert. In den Pflegeeinrichtungen wütete das Virus ohne Gnade. Ein in sich – durch das Betretungsverbot - mittlerweile völlig in sich geschlossenes System, in dem sich das Virus auch noch den letzten Verbleibenden holen würde. Ob Bewohner*in oder Pflegende. Und offensichtlich hatte dem niemand etwas entgegenzusetzen.

Denn es mangelte nach wie vor an allem. Keine Schutzkittel, keine Schutzmasken, keine Desinfektionsmittel. Oder nur viel zu wenig davon. Es war zum Heulen. Und dieser Mangel herrschte überall dort, wo er nun ausgerechnet nicht hätte herrschen dürfen. In Hospizen, bei ambulanten Pflegediensten, in Arzt- und Physiotherapie-Praxen, und, und, und. So viele Masken konnten die Landfrauen gar nicht nähen. Und die hätten auch gar nichts genutzt. Die sind gut für all die, die einfach nur so durch die Gegend rennen. Zum Arbeit, zum Einkaufen oder zum Spazierengehen. Dafür sind die gut. Um die eigenen Tröpfchen zurückzuhalten und niemand Anderen anzustecken.

Das wahre Problem waren die medizinischen Masken. Die FFP-2 und FFP-3 Masken, auf die die Mitarbeitenden im Gesundheitswesen so dringend angewiesen waren. Es war und es ist zum Heulen. Zum Heulen fand und finde ich auch, was für Masken die Regierung da zum Teil auftrieb und an die Krankenhäuser und Pflegeheime verteilte. Oft war das nicht viel mehr als ein Stück Küchenrolle mit Gummiband. Erbärmlich und unverantwortlich zugleich. Ich fand und ich finde es zutiefst beschämend. Ja, ich schämte und ich schäme mich dafür – so ganz tief drinnen -, dass ein Land wie Deutschland nicht in der Lage war und es auch immer noch nicht ist, diese Menschen – Patient*innen, Bewohner*innen wie Pflegende – zu schützen. Da werden wir nach der Krise nicht darüber hinweggehen können. Und auch nicht dürfen.

Da waren die Ösis deutlich besser aufgestellt. Nicht nur, dass die österreichische Regierung das öffentliche Leben im kleinen Alpenstaat eine Woche vor Deutschland völlig und radikaler runtergefahren hatte, nein, sie führten auch, bevor sie es wieder hochfuhr, eine allgemeine Maskenpflicht ein. Und sorgte dafür, dass es auch genügend davon gab. Wenn wir nicht die Landfrauen gehabt hätten, dann wären wir wahrscheinlich niemals wieder in der Lage gewesen, vor die Tür zu gehen. Aber zum Glück hatten und haben wir ja den Landfrauenverein. Und vielleicht können wir dann auch bald, nachdem wir die Maskenpflicht eingeführt haben, den Lockdown zu lockern. Hoffen wir es.

In anderen Ländern war die Lage indes viel dramatischer. Vor allem die USA und Großbritannien gerieten in den Focus. Sie waren auf einmal die Hotspots. Die Zahl der Neuinfektionen, der schweren Verläufe der Krankheit und auch der Todesfallzahlen explodierte förmlich.

Donald Trump war dann eben doch nicht Chuck Norris, bei dem sich das Virus vor lauter Angst die Hände nicht nur desinfiziert, sondern wahrscheinlich abgehackt hätte, wenn es denn Kontakt zu ihm gehabt haben sollte. Und Boris Johnson war eben nicht die Queen, die sowieso nicht von dieser Welt zu sein scheint. Bei dem, was die schon alles überstanden hat. Die Queen war zwar positiv getestet worden, ist aber meines Wissens nach nicht krank geworden. Anders B.J. Den hatte es richtig erwischt. Natürlich wünsche ich mir, dass auch dieser politische Blindgänger diese Krankheit überleben wird – die besten Wünsche dieser aus Jeinsen!  - aber ich war auch ein bisschen schadenfroh. Da bin ich ganz ehrlich. Was für Vollpfosten. Das amerikanische und das britische Volk würden für diese Blödhaftigkeit ihrer „Leader“ einen verdammt hohen Preis zahlen müssen. Die taten mir leid. Ich hoffte, sie würden das bei den nächsten Wahlen nicht schon wieder vergessen haben.

Erschreckt hat mich auch die fehlende internationale Solidarität. Die USA beschlagnahmten oder kauften – gegen bar – an internationalen Flughägen Schutzmasken auf, die für Europa bestimmt waren, Deutschland hielt – wenn auch nur ein paar Stunden – Schutzausrüstung, die in die Schweiz gehen sollte, zurück. Selbst innerhalb der EU ließ die Solidarität wirklich zu wünschen übrig. Auch wenn Deutschland mehrere hundert Patient*innen aus Italien, Frankreich und Spanien aufgenommen hat. Das hatte für mich aber auch so bisschen was von Alibi. Von Lernfeld. Nach dem Motto: wir nehmen mal hier und da ein paar Covid-19-Patienten auf, damit wir lernen können, wie das so verläuft. Das war dennoch richtig. Aber das würde niemal reichen. Mit Corona-Bonds, also einer gemeinschaftlichen Schuldenaufnahme konnten sich die deutsche, die österreichische und die holländische Regierungen nicht anfreunden. Wie schon bei den Euro-Bonds nicht. 2008.

(Ich habe das schon damals nicht verstanden. Es geht doch bei diesen Bonds nicht darum, Schulden zu vergemeinschaften. Das möchte ich auch nicht. Wer will das schon? Nein, es geht darum, dass die Währungsunion der EU mit dem Vertrauen, das die Investoren in den Euro haben, Kredite und Anleihen zu viel günstigeren Zinsen bekommt, als die krisengeschüttelten Südländer allein. Und zu diesen günstigeren Zinsen könnten sich dann Italien, Spanien und whoever Geld bei der EZB leihen. Und, ja, die EU würde dafür geradestehen. Mit all ihrer Wirtschaftskraft. Aber Italien und Frankreich oder Spanien müssten ihre Schuld gegenüber der EZB dann doch trotzdem bedienen. Nur zu günstigeren Konditionen. Das muss mir – ich bin ja wirtschaftlicher Idiot – bei Gelegenheit mal irgendjemand erklären.)

12.

Kurz vor Ostern war klar: Ostern fällt aus! Zumindest mit Ausflügen, großen Familienfeiern, Großelternbesuchen und so. Das war blöd. Für viele war das richtig blöd. Man konnte Ostern  auch nicht verschieben… Auf Pfingsten oder so. Oder auf Weihnachten. Das ging nicht. Allein schon, weil die ohnehin schon religiös Verwirrten noch weiter verwirrt worden wären. Die anderen wären vielleicht noch damit klargekommen. Die hätten auch an Pfingsten Ostern feiern können. Oder an Weihnachten Eier suchen. Warum nicht? Hauptsache, man würde nicht am Ende den Weihnachtsmann ans Kreuz nageln. Wann auch immer. Das könnte die Stimmung an Weihnachten echt versauen.

Die Kirchen hatten sich darauf eingerichtet und kurzerhand das Couch-Praying eingeführt. Gottesdienste im Live-Stream. Für die Gläubigen eine völlig neue Situation: Man sitzt im Wohnzimmer oder der Küche und schmettert dem Laptop oder dem Fernseher ein fröhliches „ Du hast uns, Herr, gerufen, und darum sind wir hier!“ entgegen. Fühlt sich wahrscheinlich komisch an. Ungewohnt, weil… das hat man noch nie gemacht. Geht aber. Irgendwie. Für die Pastorinnen und Pastoren hat sich dagegen nicht so viel geändert. Sie predigen  – nach wie vor – vor leeren Kirchenbänken. Nur, dass sie dabei gefilmt werden.

Auf NDR-Info wurde am Gründonnerstag in den Nachrichten erklärt, dass der Osterhase aber in jedem Fall seinen Job erledigen würde, weil der ohnehin recht scheu wäre, meistens allein arbeiten, und natürlich den Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten würde. Versprochen. Eine wirklich gute Nachricht.

Aber es gab auch andere gute Nachrichten. Die Zahl der Neuinfizierten ging noch weiter zurück. Auch die Zahl derer, die  an Covid-19 starben, wuchs nicht so dramatisch, wie zu befürchten war. Gott sei Dank. Obwohl…? Gott hatte damit natürlich gar nichts zu tun. Er war völlig unschuldig. Wie auch an allen anderen Katastrophen. Der hatte weder etwas mit irgendwelchen Hungerkatastrophen oder sonstigen furchterregenden Dramen auf dieser Welt zu tun. Davon war ich mal vorsichtig überzeugt. Bin ich auch immer noch. (Um meinen Blick auf Gott zu verstehen, könnt ihr ja mein Buch „Theologie für Schwergläubige“ lesen. Oder auch nicht. Wie ihr wollt.)

Bei mir ging in der Woche vor Ostern dann allmählich doch wieder das Geschäft los. Natürlich nicht im Bereich Schulungen, Seminare – die waren alle abgesagt -, auch in Sachen psychologischer Beratung ging natürlich nix mehr. Zumindest nicht in der Face-to-face-Beratung. Dieser Bereich war tot. Telefonisch ging was, ja, persönlich nicht. Nix.

Aber Trauerfeiern fanden dann doch wieder statt. Zumindest in unserer Region.

Natürlich starben Menschen auch während dieser Krise meistens eines ganz anderen Todes als an Covid-19. Wie vor der Corona-Pandemie auch. Die Menschen starben auch weiterhin an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, an Krebs oder anderen Krankheiten, sie verunglücken oder wählen aus den unterschiedlichsten Gründen den Freitod. Wie zu allen anderen Zeiten auch.

Ein wesentlicher Unterschied bestand aber darin, dass viele Menschen ihre sterbenden Angehörigen, ihre Eltern, ihre Ehe- und Lebenspartner, Geschwister und andere Familienmitglieder und Freunde durch das strikte Betretungsverbot, das für Krankenhäuser und Alten- und Pflegeheimen bestand, nicht begleiten konnten.  Auch blieb es den meisten Hinterbleibenden  aus Seuchenschutzgründen verwehrt, sich von den Verstorbenen in einem würdigen Rahmen am Sterbebett oder dem offenen Sarg zu verabschieden. Das war für viele eine kaum auszuhaltende psychische Belastung. Dass diese Belastung nun auch noch in weitgehender Isolation allein ausgehalten und ertragen werden musste, machte es für die Betroffenen noch schwieriger.

Zumindest durften in den meisten Regionen der Bundesrepublik noch Trauerfeiern stattfinden, damit wenigstens eine würdevolle Bestattung möglich war und niemand einfach nur "verscharrt" wurde. Allerdings durften  diese Trauerfeiern damals nur unter bestimmten Auflagen und unter strikter Einhaltung aller Sicherheits- und Hygieneregeln stattfinden. Das war und ist von Bundesland zu Bundesland und auch in den verschiedenen Regionen, Städten und Landkreisen  jedoch unterschiedlich geregelt.

Für unsere Region hieß das, dass Trauerfeiern nur im engsten Familienkreis (maximal 5 Personen) und draußen unter freiem Himmel stattfinden durften. Friedhofskapellen und Kirchen waren ja  geschlossen. Aber das war immer noch besser als gar nichts.

Und weil das Wetter recht stabil gut war, war das auch gar nicht schlimm.

Wir gestalteten die Trauerfeiern dennoch genauso "schön" und individuell, wie die Menschen es von uns gewohnt waren. Mit musikalischer Begleitung und allem, was zu einer würdevollen Trauerfeier dazugehört.

Allerdings durften auch wir damals keine Besuche zur Vorbereitung vornehmen. Die Trauergespräche mussten leider telefonisch oder per Videoanruf erfolgen, was die seelsorgerliche Begleitung und die Vorbereitung von Trauerfeiern aber erst mal sehr unpersönlich erscheinen ließ.  Aber auch am Telefon konnten wir  professionell und vertrauensvoll arbeiten. Man lernt ja dazu.

Wir taten alles dafür, dass ein Abschied auch unter diesen Umständen würdevoll und angemessen war.

Ich war nur heilfroh, dass ich bisher niemanden beerdigen musste, der an Covid-19 gestorben war. Dann hätte ich mich irgendwie als „Krisengewinnler“ gefühlt. Das wollte ich nicht.

Auch Gutscheine, wie Restaurants, Theater und Konzertveranstalter sie anboten, kamen für mich irgendwie auch nicht wirklich in Frage. Gutscheine für eine schöne Beerdigung wollte niemand. Keiner.

Ich war froh, dass es irgendwie weiterging. 

13.

Inzwischen gab es eine weltweit geführte Diskussion darüber, ob die ganzen Einschränkungen, die die Menschen in dieser Zeit hinnehmen mussten, überhaupt angemessen waren. Waren vielleicht die sozialen und wirtschaftlichen Schäden, die der Lockdown in vielen Ländern der Welt - vor allem aber in den hochentwickelten Industrienationen - anrichtete, am Ende höher als der gesundheitliche Nutzen, den man sich davon erhoffte? War das nicht doch alles völlig übertrieben? Oder am Ende immer noch nicht weitgehend genug?

Auch bei uns redete man sich natürlich die Köpfe heiß. Die Meinungen gingen da sehr auseinander. Einige Experten meinten, man müsse die freiheitseinschränkenden Maßnahmen so lange wie möglich durchhalten, um die Infektionskurve weiter und nachhaltig abflachen zu können. Ansonsten bekäme man das vielleicht nie in den Griff. Andere forderten ein sofortiges Ende aller Maßnahmen, um einen völligen Ruin der Wirtschaft gerade noch rechtzeitig zu verhindern. Wenn nicht sowieso alles zu spät wäre. Eine dritte Gruppe Fachleute meinte, sie wüssten auch nicht so recht...! Man wisse ja noch zu wenig über dieses neuartige Virus. Und man müsse mal abwarten und das Ganze weiter beobachten. Ich zähle mich selbst zu dieser dritten Expertengruppe und zuckte mit den Schultern. Ich wusste schließlich auch nicht so recht. Da schien mir diese Position am erstmal sichersten.

Jeder Experte, ob aus Gesundheitswesen, Wirtschaft oder Politik erzählte und forderte etwas Anderes. Dazu kam noch die Kohorte selbsternannter „Fachleute“, dazu kamen all die Heils- und Unheilspropheten, die Verschwörungstheoretiker, die ewigen Leugner, Zweifler, Zauderer und Warner, all diejenigen, die „es“ schon immer gewusst und gesagt hätten und genau deshalb so viel Klopapier gehortet hatten, und da waren die Umstürzler und Revoluzzer, die eine neue Weltordnung – und zwar sofort! - forderten, und zwar sofort.

Und dann waren do noch die Medien, die sich irgendwo zwischen dem Versuch seriöser Berichterstattung und dem reißerischen Vermelden jedes einzelnen neuen Infektionsfalles in Deutschland oder sonst irgendwo auf der Welt bewegte. Nur bei RTLII lief den ganzen Tag „Frauentausch“. Wie immer. Aber das war vielleicht angesichts der vielen familiären Dramen, die sich vermutlich in vielen Wohnungen abspielten, nicht mal die schlechteste Idee. Über einen Frauentausch hatte ich nach vier Wochen Quarantäne auch schon das eine oder andere Mal nachgedacht.

Es herrschte eine lautstarke und mittlerweile auch unerträgliche Kakophonie auf allen Kanälen. Ich, als Anhänger der „Ich-weiß-auch-nicht-so-recht“-Experten, wusste auch nicht so recht, was denn nun zu tun oder zu lassen das Richtige wäre. Schließlich wusste ich es ja auch nicht so recht. Zumindest darin stimmte ich mit den anderen Experten dieses Lagers völlig überein. Das beruhigte mich.

Die Regierung ließ derweil verlauten, wenn  die Zahl der Neuinfektionen weiterhin so kontinuierlich abnehmen würde, dann könne man ja in der Woche nach Ostern über eine schrittweise Lockerung der Maßnahmen nachdenken. Vielleicht erst die Schulen öffnen, zumindest für die älteren Schüler, Geschäfte wieder öffnen, Wirtschaft allmählich wieder hochfahren. Das alles natürlich nur unter Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften wie Abstandhalten, Maske tragen und Händewaschen.

Woher wir die Masken bis dahin in ausreichendem Maße bekommen sollten, sagte die Regierung natürlich nicht. Wie auch?! Da würde auf die Landfrauen wohl noch allerhand Arbeit zukommen. Aber da waren auch etliche kleine und auch größere Firmen mittlerweile recht findig und durchaus kreativ. Manche bastelten aus Staubsaugerbeuteln Schutzmasken, andere hefteten Gummibänder an Papierkaffeefiltertüten, und fertig waren die neuen Helferlein. Zum Teil erfüllten die sogar fast die Anforderungen, die sonst nur an FFP2 und -3-Masken gestellt wurden. Not macht eben erfinderisch.

Wir bekamen am Gründonnerstag ganz unverhofft ein Päckchen. Darin befanden sich zwei wunderschöne Masken mit Superhelden-Motiven, die eine Freundin aus dem Ruhrpott für uns genäht hatte. Richtig professionell. Das Schönste war, sie hatte auch noch zwei Rollen Klopapier mitgeschickt. Wir waren zu Tränen gerührt. In der Krise werden eben die schönsten Seiten des menschlichen Charakters sichtbar.

Aber leider auch seine hässlichsten. So waren im Internet schon wieder Unmengen Betrüger unterwegs, die versuchten, sich an der Krise und vor allem an der Angst der Menschen auf perfideste Weise zu bereichern. Sei es, dass diese Arschlöcher zu Mondpreisen irgendwelche vollkommen nutz- und wirkungslosen Wunderheilmittel und völlig überteuerte Schutzausrüstung über die einschlägigen Plattformen feilboten, die dann im Zweifelsfall - auch dank geforderter Vorkasse – gar nicht geliefert wurden, oder dass sie über gefakte Internetseiten die Daten hilfesuchender Kleinunternehmen und Soloselbstständiger abgriffen und dann ihrerseits die Hilfsgelder einstrichen. Not macht eben erfinderisch. Von all den Spuckattacken, Beleidigungen und Drohungen, denen sich manche Verkäufer- und Kassierer*innen aussetzen mussten ganz zu schweigen.  Es war zum Kotzen.

Eine Nachricht, die mich kurz vor Ostern erreichte, fand ich dann doch lustig: Einige Klopapierhersteller mussten plötzlich Kurzarbeitergeld beantragen, weil der Absatz schlagartig einbrach und die Produktion gedrosselt werden musste. Da hatten die Hamster wohl auch die letzte Ecke der heimischen Butze dermaßen mit Klopapier vollgestopft, dass sie auch beim besten Willen keine einzige Rolle mehr unterzubringen vermochten. Ich wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte.

Alles in allem wurden es sehr ruhige Ostertage. So ruhig, wie die Wochen vorher auch. Es gab keine ausgedehnten Osterspaziergänge in größeren Gruppen, Ausflüge zu irgendwelchen Sehenswürdigkeiten waren ohnehin untersagt, und wir wurden von Mutti nochmals nachdrücklich angehalten, mit dem Hintern gefälligst zuhause zu bleiben. So schwer es auch fallen würde. Besonders bei dem schönen Wetter, das wir damals hatten.

Karfreitag entschloss ich mich, eine ausgedehnte Tour mit meinem Motorrad zu machen. Eigentlich durfte man auch das natürlich nicht. Außer, man würde unvermeidliche Ziele ansteuern. Den Arzt etwa oder zum Einkaufen fahren. Das durfte man selbstverständlich auch mit dem Motorrad. Zumal, wenn man - so wie wir - kaum Autos hatte. Aber ansonsten sollte man die Mopete gefälligst stehenlassen, denn man wollte verhindern, dass nun auch noch verunglückte Biker die Notaufnahmen und Intensivbetten verstopften. Ich fand das sehr vernünftig. Aber das Wetter war einfach zu und zu schön, und meine Maschine machte mir schon seit Tagen immer wieder schöne Augen. Und ich langweilte mich nun doch schon ein wenig. Der Rasen war mittlerweile Halm um Halm mit der Nagelschere auf zwei Millimeter gestutzt, ich backte Hefezopf um Hefezopf, und hatte jedem Unkraut, bevor ich diesem jungen, aufstrebenden Leben den Garaus machte, einen Namen gegeben und in einer längeren, sehr feierlichen Zeremonie getauft. Nottaufen waren auch mir als ehemaligem Pastor noch erlaubt.  

Ich hatte einfach keine Idee mehr, womit ich mich an diesem Karfreitag, der ja ohnehin einer der fröhlichsten Tage im Jahr war, denn nun noch beschäftigen sollte. Die neue vatikanische Erfolgsserie „Franziskus allein im Dom“ fesselte mich dann doch nicht so richtig, und ich wollte raus.

Also zog ich mir meine Joppe an, setzte den knitterfreien Hut auf und brauste los. Es war herrlich. Meine Maschine und ich jagten durch die Gegend, die Landschaft flog nur so an uns vorbei und es machte einen Heidenspaß. Auch, wenn Karfreitag war.

Kurz vor Heidelberg wurde ich von der Polizei angehalten. Mit dem Verweis auf mein hannoversches Kennzeichen fragte mich der Büttel von der Rennleitung, was ich denn so fernab der Heimat zu tun hätte? Ich erklärte dem Beamten, dass bei uns in Niedersachsen heute ein Feiertag sei und somit alle Geschäfte geschlossen. Ich würde nun schon seit Stunden hilflos in der Hoffnung umherirren, irgendwo einen Laden zu finden, in dem ich die dringend benötigte Ration Klopapier für die Feiertage ergattern könne. Er fragte mich, ob ich noch alle Latten am Zaun hätte und ob ich glaubte, in Baden-Württemberg sei immer noch Karneval, oder was? Für mich sei jetzt aber mal sowas von Aschermittwoch und Karfreitag an einem Tag und das würde mich nun 250 Euro kosten. Ich fand das gerecht. Aber auch ganz schön doof. Also mich. Mich fand ich doof. Mein Motorrad, das mir die ganze Scheiße ja erst eingebrockt hatte,  fand ich auch doof und ich stellte es später, als ich wieder zuhause war,  zur Strafe wieder zurück in die Garage. In die hinterste Ecke. Das hatte es nun davon. Dieses aufreizende Luder.

Meine Frau fand mich auch doof, als ich ihr später berichtete, was mir da passiert war. Sie fand mich doof und nahm mir die Zündschlüssel weg. Ich guckte dann noch eine Folge „Frauentausch“.

14.

Ja, es waren äußerst entspannte, wenn auch sehr langweilige Ostertage. Was konnte man schon großartig tun? Spazierengehen, Fahrradfahren, Gartenarbeit. Aber das konnte man ja immer tun. Und das hatten wir nun schon seit Wochen gemacht. Jeden Tag. Was also könnten wir machen, damit sich dieses Feiertagswochenende irgendwie vom Einerlei der vielen anderen Tage unterschied?

Zuerst nahmen wir uns vor, den schlabbrigen Krisenlook – viele nannten das dieser Tage auch das Home-Office-Outfit – abzulegen. Zumindest klamottenmäßig wollten wir uns für die Feiertage etwas aufhübschen. Weg mit der Schlafanzughose, in der ich mich schon seit Wochen häuslich eingerichtet hatte. Nix mehr T-Shirt und Schluffen, sondern Hemd und Kragen. Aber keine Krawatte. Das wäre vollkommen übertrieben. Overdressed. Außerdem hasste ich Krawatten. „Und mal wieder rasieren. Das könnte auch nicht schaden!“, schlug meine Frau vor. Das ging mir allerdings zu weit. Denn es war ja schließlich Krise und ich befand, nachdem ich im Spiegel die Fusseln in meinem Gesicht begutachtet hatte, dass man das auch sehen sollte. Also verwarf ich den Gedanken an eine Rasur schnell wieder.

 „Wollen wir vielleicht das Haus ein wenig mit Osterschmuck dekorieren?“, fragte meine Frau. Sie wusste ganz genau, wie sehr ich diese Dekoriererei hasste. Aber da wir am Sonntag mit unseren Jungs skypen wollten, war das vielleicht gar keine schlechte Idee. Da könnte man so ein wenig Osterschmuck auf dem Tisch wahrscheinlich ganz gut gebrauchen, um diese Feiertagsstimmung, die bei uns herrschte, bei den Kindern ein wenig ins rechte Licht zu setzen.

Am Ostersonntag versteckte ich bei herrlichstem Wetter schon in der Frühe, als noch der kühle Tau den Garten zart benetzte, Schokoladeneier im Garten. Auch wenn es sinnlos erschien, so dachte ich mir, dass es gerade in diesen Krisenzeiten, wo nichts mehr war wie früher, für die Gesunderhaltung des Verstandes wichtig wäre, an Vertrautem und Bewährtem, an Bräuchen, Traditionen und familiären Riten festzuhalten, wenn wir denn nicht völlig im Chaos versinken wollten. Zwar wohnten unsere Kinder schon seit ewigen Zeiten nicht mehr zuhause, also in unserem, dem eigentlichen zuhause – sie bezeichneten seltsamerweise ihren jetzigen Wohnort auch als ihr zuhause -, aber es erschien mir dennoch richtig, das jährliche Ostereiersuchen wie gewohnt zu gestalten. Sie könnten die Eier dann ja später via Geocaching, WhatsApp oder so suchen. Und alle Eier, die sie nicht finden würden, dürfte ich dann essen. Wenn ich sie denn wiederfinden würde.

Am Vormittag schaute ich eine weitere Folge von „Franziskus allein im Dom“. Es war eine dramatische Folge. Ich schaute dem Pontifex und Nachfolger Petri dabei zu, wie er mutterseelenallein auf seinem Heiligen Stuhl hing, offensichtlich Selbstgespräche führte, immer wieder in einen recht monotonen Singsang verfiel und sich allmählich betrank. Es war erschütternd. Irgendwann schaltete ich ab. Ich konnte es nicht ertragen und schaltete auf „Frauentausch“. In der Osterfolge konnte man die Tauschfrau dabei beobachten, wie sie die Eier vom Tauschvater suchte. Ich entschied mich, bis auf Weiteres kein Fernsehen mehr zu schauen und über die Feiertage auch keine anderen Medien zu nutzen. Mediale Abstinenz. Das würde mir sicher guttun.

Für 13.00 Uhr hatten wir uns mit unseren Kindern zum virtuellen Osterfrühstück via Skype verabredet. In der Corona-Zeit habe ich Skype wirklich schätzen gelernt. Wir deckten den Frühstückstisch mit allem was dazugehört, und dann klingelte auch schon der Laptop. Graz ruft Jeinsen, Graz ruft Dintikon…, Graz ruft Jeinsen, Graz ruft Dintikon…, wir gingen ran und freuten uns riesig, unseren Kleinen zu sehen. Graz ruft Dintikon…, und dann ging auch der Große ran. Es war schön, dass wir jetzt alle zusammen sein konnten. Wenn auch nur virtuell. Wir frühstückten gemeinsam, wir sabbelten, lachten und spürten trotz der großen Entfernungen zwischen uns eine wunderbare Verbundenheit.

Nach dem Frühstück nahmen wir die Jungs mit in den Garten. Wir stellten den Laptop so hin, dass sie den ganzen Garten sehen konnten. Jetzt war die Eiersuche dran. Aber so sehr sie sich auch bemühten, sie konnten kein einziges Osterei entdecken. Pech für sie, Glück für mich, dachte ich. Aber dann kam der Kleine auf die Idee, dass ich mir ja den Laptop umgedreht, also Kamera in meiner eigenen Blickrichtung,  vor den Bauch halten könnte, dass sie das sähen, was auch ich sah. Und dann würden sie mir sagen, wohin ich gehen soll, in welche Ecke und unter welchen Busch ich schauen sollte. „Geh mal zum Steinhaufen!“ Ich ging also samt Computer zum Steinhaufen. „Geh mal hinter den dicken Stein da links!“ Ich tat, wie mir gesagt wurde. „Halt die Kamera mal auf den Boden!“ Ich senkte die Kamera. Tadaaa! Ein Hase aus Schokolade. Der Kleine freute sich wie ein Kleinkind. Wir auch. Dann war der Große dran. „Geh mal zum Apfelbaum!“ Ich stiefelte wieder los. „Guck mal hinter die Statue, die hinterm Baum steht!“ Gesagt, getan. Tadaaa! Ein gefülltes Schoko-Ei. Die Jungs kannten die Verstecke noch von früher und führten mich – einer nach dem anderen – sicher durch den Garten, bis sie fast alle Verstecke gefunden hatten. Es war ein Riesenspaß.

Dann machten wir es uns mit den Jungs noch eine Weile unter unserem Apfelbaum gemütlich, ich verputzte ein paar Schokoeier, wir alberten rum und irgendwann hatten wir alle auserzählt. Es war wunderschön und fast so, als wären sie wirklich und leibhaftig anwesend gewesen. Wir  freuten uns jetzt schon wie Bolle auf unsere nächste gemeinsame Videokonferenz.

Mittlerweile war es 16.00 Uhr geworden. Jetzt mussten wir uns ein wenig sputen. Denn wir hatten uns – zum ersten Mal seit vielen, vielen Wochen – mit unseren besten Freunden für den frühen Abend zum Grillen verabredet. Das Wetter war traumhaft, das Grillen und Essen würden natürlich draußen stattfinden und der Tisch auf unserer Westterrasse war groß genug, um auch den nötigen Sicherheitsabstand einzuhalten. Wir freuten uns mächtig auf diesen Abend. Wir hatten die beiden schon so lange nicht gesehen. Endlich mal wieder richtige Menschen. Es war wunderschön, zusammen zu sein, auch wenn wir uns nicht in den Arm nehmen konnten. Wir hatten ja soviel zu erzählen. Wir aßen, tranken Wein, schnabulierten, fabulierten, lachten und als es allmählich zu dämmern begann, zündeten wir in unserer Feuerschale unser kleines, privates Osterfeuer an. Wir stellten die Sessel um den Feuerplatz, dazwischen jeweils ein kleines Tischchen und es wurde ein wundervoller Abend. Bis spät in die Nacht saßen wir da und genossen das Beieinandersein in vollen Zügen.

Irgendwann mussten wir uns allerdings voneinander wieder verabschieden. So traurig das war. Am liebsten hätten wir noch Ewigkeiten zusammen verbracht.

Am Ostermontag räumte ich in der Frühe alles wieder auf. Meine Güte, war das schlagartig wieder kalt geworden. Was für ein Segen, dass wir gestern so ein schönes Wetter hatten. Heute wäre es erheblich ungemütlicher draußen. Alles richtig gemacht.

Den Rest des zweiten Feiertages gammelten wir einfach ab. Wir hatten keine Lust rauszugehen und so puzzelten wir beide einfach hier und da im Haus herum. Diane machte ein bisschen Sport im Home-Office, ich freute mich über die schönen Erlebnisse vom Vortag und war tief dankbar für dieses wundervolle Leben.

Diane meinte irgendwann, als ich in meiner geliebten Schlafanzughose und oller Strickjacke, ungekämmt und bestens gelaunt, mit einer Tasse Kaffee in der Hand an ihr vorbeischluffte, ich sähe am Kopf mittlerweile aus wie ein Huhn am Hintern. Also bitte!!! Aber sie hatte ja recht. Kein Wunder! Ich war Mitte Januar zuletzt bei meiner Haar-Architektin. Morgen würde sie mir die Haare schneiden. Au weia. Aber ich vertraute ihr. Ich vertraute ihr schon immer.

15.

Ich hatte Glück. Am nächsten Morgen hatte meine Frau ihr waghalsiges Vorhaben offensichtlich vergessen. Oder übersehen. Denn ich hatte mir schon früh morgens mit ordentlich viel Gel die Zauseln, die sich mittlerweile in meinem Nacken kräuselten, gebändigt. Versucht zu bändigen. Dachte ich. Hoffte ich. Aber wahrscheinlich hatte sie einfach Anderes zu tun, als sich um meine Mähne zu kümmern. Egal. Meine Haarpracht blieb mir zunächst also noch erhalten. Mal sehen, wie lange ich noch ungeschoren davonkommen würde. Lange würde es wohl nicht mehr gutgehen.

Allerdings hatte sich an diesem Dienstagmorgen nach Ostern eine andere Hoffnung mit einem Telefonat zerschlagen. Ich hatte meinen ersten Corona-Todesfall. Dabei hatte ich so gehofft, dass das an mir vorbeigehen möge, was statistisch natürlich sehr unwahrscheinlich war. Irgendwann würde es mich treffen, auch wenn ich das nicht wollte.  Nun war es aber doch so gekommen. Ich war ein Krisengewinnler. War natürlich Nonsens, aber ich fühlte mich so. Wahrscheinlich hätte ich die Familie auch begleitet, und wäre auch dazu beauftragt worden, wenn dieser Mensch an einem Herzinfarkt oder einer anderen todbringenden Krankheit gestorben wäre. Oder einfach nur so. Weil er nicht mehr leben wollte oder der Blitz ihn traf. So, wie es immer war.

Auf meine Arbeit als Trauerredner und -begleiter hatte und hat es normalerweise auch kaum - oder im besten Fall sogar gar keinen - Einfluss, woran ein Mensch verstarb oder wie alt er werden durfte.  Natürlich war es ein Unterschied für mich, ob ein junger Mensch sich das Leben nahm, weil er dieses Leben nicht mehr aushielt, oder ein Hundertjähriger an Altersschwäche starb. Natürlich war das ein Unterschied. Aber erst in zweiter Linie. In erster Linie geht es mir ja um die Angehörigen, um die, die mit ihrer Not, Trauer, mit ihrer Wut und Verzweiflung zurückblieben. Und nicht wussten, wohin damit. Oder wie es weitergehen sollte. Ihnen galten und gelten ja meine ganze Aufmerksamkeit und Hinwendung. Das würde sich auch in diesem Fall nicht ändern. Aber dennoch. Irgendwie fühlte sich das anders an. Es fühlte sich nicht gut an. Wahrscheinlich einfach, weil wir alle ja in dieser Zeit irgendwie darauf achtgaben, diese Infektion nicht an uns heranzulassen. Gesundheitlich nicht und psychisch eben auch nicht. Wir alle bemühten uns, nichts damit zu tun haben zu müssen. Aber nun kam das Virus eben auch mir nahe. Wenn auch nur beruflich. Sei es drum, das ist ja nun mal meine Arbeit. Ich hätte ja auch einen anständigen Beruf erlernen können. Meine Schuld. (Aber davon will ich jetzt gar nicht mehr reden. Es soll ja hier nicht die ganze Zeit um mich gehen.)

Wie erwartet ging in der Woche nach Ostern die Diskussion um die Lockerung der Einschränkungen, die für so viele Menschen so massive soziale, psychische, physische und wirtschaftliche Folgen hatte, mit voller Wucht los. Nicht nur hier bei uns. Überall in der Welt. In Österreich wurden ab Dienstag wieder kleine Läden und Baumärkte geöffnet. Man wollte – natürlich unter Einhaltung von den bekannten Schutzmaßnahmen und Hygienevorschriften, allmählich zu einer „neuen Normalität“ zurück. So nannte Sebastian Kurz, der österreichische Bundeskanzler das. Eine „neue Normalität“. Wie immer die aussah.

Welche Geschäfte sollte man zuerst wiedereröffnen? Friseursalons oder Buchläden? Restaurants oder Elektronik-Märkte? Schuhgeschäfte oder Bordelle? Wobei, über die Bordelle machte sich niemand einen Kopf. Dabei litten die Prostituierten höchstwahrscheinlich mit am meisten unter den Einschränkungen. Und die hatten keinerlei Anspruch auf Soforthilfe, Übergangsgelder oder sonstige staatliche Segnungen. Oft waren die nicht mal krankenversichert oder sonst irgendwie abgesichert. Aber das ist ein anderes Thema. Da kann sich jemand anderes den Kopf darüber zerbrechen. (Ich war ja als junger Vikar in Celle für die Seelsorge an Prostituierten des dortigen Straßenstrich zuständig. Da wurde ich dann mal zu einer Weihnachtsfeier eingeladen. Das war eine höchsteindrückliche Erfahrung für mich. Die Weihnachtsfeier begann damit, dass…, aber das ist auch eine andere Geschichte. Naja.

An welcher Stelle sollte man das öffentliche Leben denn nun zuerst hochfahren? Kindergärten und Kitas? Schulen und Universitäten? War es besser, zunächst die kleinen Kinder wieder ins Leben toben zu lassen, damit die Eltern wieder arbeiten gehen konnten? Oder vielleicht doch besser die älteren Schüler, weil die sich vielleicht besser und disziplinierter an Abstandsregeln und Händewaschen halten würden als diese wuseligen Winzlinge?

Oder sollte man möglicherweise die Einschränkungen noch für drei Wochen verlängern und gegebenenfalls sogar noch verschärfen, weil die Infektionszahlen zwar mittlerweile recht konstant rückläufig, aber eben immer noch zu hoch waren? Und würde man nicht mit einer zu frühen Lockerung gefahrlaufen, dass es eine zweite Infektionswelle geben könnte? Das könnte uns zu einem zweiten Lockdown zwingen. Das würden wir wirtschaftlich wohl kaum verkraften. Wobei auch jetzt niemand sagen konnte, ob wir den ersten Lockdown wirtschaftlich würden wuppen können.

Diese Diskussion war so ein wenig wie der „Markt der Möglichkeiten“ auf den Kirchentagen. Jeder hatte eine andere Idee und haute sie ungefragt öffentlich raus. Die Wirtschaftsverbände forderten eine schnelle Rückkehr zur „Normalität“, Virologen, Pflegeverbände und Gesundheitseinrichtung mahnten dagegen dazu, die Maßnahmen noch eine Weile zu verlängern, die FDP forderte – wie immer – drastische Steuersenkungen für die Wirtschaft und für Reiche, die LINKE forderte – wie immer – drastische Steuererhöhungen für die Wirtschaft und für Reiche, die AfD forderte – wie immer – die Rückdrängung der Migranten, die Kirchen forderten – wie immer -  Solidarität von allen und saß dabei – wie immer -  mit zusammengekniffenen Arschbacken auf dem klerikalen Geldsäckel und ich forderte nix. Gar nix. Ich stand nur doof rum und guckte zu. Wie immer.

Allerdings musste ich auch zugeben, dass die Situation wirklich vertrackt war. Natürlich war es einerseits zunächst am Wichtigsten, dafür zu sorgen, dass sich möglichst wenige Menschen mit diesem verfluchten Virus infizieren. Selbstredend. Natürlich war es von entscheidender Bedeutung, das Gesundheitssystem nicht völlig zu überlasten und die Infektionskurve deutlich abzuflachen, um ihrer Herr zu bleiben. War auch klar. Andererseits konnten wir die Wirtschaft auch nicht komplett ruinieren. Eine unvorstellbare Pleitewelle, Massenarbeitslosigkeit, Armut, vielleicht sogar Hunger und ein nicht mehr zu finanzierendes Gesundheitssystem würden auch niemandem helfen. Wie gesagt. Es war eine vertrackte Situation. Und ich war ziemlich froh, dass ich das nicht entscheiden musste.

Ich war aber auch froh, dass wir in Deutschland von besonneneren Politiker regiert wurden, die zumindest widerstreitend über diese Fragen diskutierten, als die Amis zum Beispiel. Die waren echt arm dran. Trump generierte sich über Ostern als Präsident, der mit allumfassenden Machtbefugnissen ausgestattet sei und die Krise ganz allein in den Griff bekäme. Die Zahlen sagten etwas Anderes. Kritische Rückfragen waren für ihn – wie immer – Fake News. Was für ein Schwurbelkopf. Wenn es nicht so ernst wäre, hätte man sich einfach über ihn lustig machen können. Aber dafür war die Lage in den USA zu ernst. Viel zu ernst.

(Ich fragte mich manchmal, nur so ganz leise und allein für mich…, ob es denn niemanden gäbe…, der dem Ganzen ein Ende…, den Trump…, es sind doch schon so viel bessere erscho…, aber das geht hier natürlich zu weit. Sowas gehört hier nicht her. Sowas fragt man sich auch nicht! Echt nicht! Aber selbst meine Mutter – Gott hab sie selig – fragte sich und mich das mal nach seiner unseligen Wahl in unserer Küche.)

Boris Johnson hatte sich zum Glück von seiner Covid-19-Erkrankung etwas erholt und konnte über Ostern die Intensiv-Station wieder verlassen. Beste Genesungswünsche von dieser Stelle. Aber B.J. steht ja auch irgendwie synonym für Blowjob. Johnson lieferte allerdings nur eine Warmluftnummer ab. Denn auch in Großbritannien war die Lage verheerend. Es gab eben kein Brexit aus einer Pandemie.

In vielen anderen Teilen der Welt sah es auch nicht besser aus. Ich muss und will das nicht wiederholen. Aber eines wurde schon klar: überall da, wo Populisten und Diktatoren herrschten, war es schlimmer als dort, wo es einigermaßen gefestigte Demokratien gab. Nur mal so nebenbei.

16.

Dem Mittwoch nach Ostern fieberten viele Menschen angespannt entgegen. Vor allen Dingen viele Gastronom*innen, Barbetreiber*innen, Laden- und Firmenbesitzer*innen, aber auch Schüler’innen und Lehrer*innen warteten sehnsüchtig auf eventuelle Lockerungen der rigiden Maßnahmen, die der Lockdown mit sich brachte. Und darauf, dass sie alle möglichst bald ihre gewohnten Tätigkeiten wieder aufnehmen könnten und wieder Geld in die Kasse käme. Oder die Kinder endlich mal wieder unter den Füßen weg und in der Schule wären.

Was ja in vielen Familien wirklich Zeit wurde. Weil die Eltern mit dem verhassten Home-Schooling hoffnungslos überfordert waren, weil sie schlicht den Unterrichtsstoff nicht rafften. Weil die Kinder beim Home-Office, in dem die Eltern vielleicht verzweifelt versuchten zu arbeiten, nervten. Weil es – schlimmer noch – massive  familiäre Probleme gab, Sucht- und Gewaltprobleme, und die Kinder wenigstens stundenweise besser in der Schule aufgehoben waren als zuhause. Weil, weil, weil. Es wurde Zeit.

Am Mittwoch wollten sich Bund und Länder auf eine gemeinsame Exit-Strategie verständigen. Per Videokonferenz! Versteht sich.  Am frühen Abend stellte sich Mutti vor die wartenden Kameras und verkündete stolz die Ergebnisse des stundenlangen Palavers. Was war beschlossen worden?

Nun, die Schulen sollten ab dem 4. Mai wieder öffnen. Allerdings zunächst nur für die Prüfungsjahrgänge, die ihr Abitur oder ihre Mittlere Reife ablegen mussten, sollten oder wollten. Die unteren Jahrgänge sollten später beginnen. Und immer nur maximal pro Klassenzimmer! Und unter Einhaltung der geltenden Abstands- und Hygieneregeln. Versteht sich. Kindergärten und Kitas blieben erstmal weiterhin geschlossen.

Für die Wirtschaft zeichnete sich Folgendes ab: Ab dem 20. April sollten Geschäfte bis zu einer Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern wieder öffnen dürfen. Egal, was sie verkauften. Glaube ich. Restaurants, Bars und Bordelle mussten auch weiterhin geschlossen bleiben. Großveranstaltungen blieben zunächst bis Ende August untersagt. Kein Wacken…, kein Rock am Ring…, kein Maschseefest in Hannover…, kein Weedbeat in Barnten…, aber wahrscheinlich auch kein Hoffest der Patchworkdiele in Jeinsen. Das würde ein trostloser Sommer werden.

Produktionsbetriebe, die einen ausreichenden Sicherheitsabstand für ihre Mitarbeitenden sicherstellen könnten, konnten ebenfalls ihre Tore wieder öffnen. Sicher, nur erste vorsichtige Schritte. Ein Einstieg in den Ausstieg eben. Noch nicht das ganz große Aufheben aller Einschränkungen. Aber das hatte wohl auch niemand erwartet.

Ja, die versammelte Politikprominenz war stolz auf diese bundesweit geltenden Regelungen. Im Heute-Journal, in den Tagesthemen präsentierten sie mit blumigen Worten die Ergebnisse. Wie gesagt, nicht ohne Stolz! Naja, dachte ich.

Und ich hatte richtig gedacht. Wunderte mich nicht, denn natürlich konnten nicht alle von der Krise Betroffenen mit den neuen Regelungen zufrieden sein. Wie auch? Und  schon am nächsten Morgen wurden aus allen Teilen der Republik wieder die Stimmen laut, die diese Beschlüsse infrage stellten, aushöhlten, uminterpretierten, für nicht ambitioniert, weitgehend und ausreichend  genug hielten, für zu zögerlich. Und natürlich meldeten sich auch die zu Wort, denen das alles völlig verfrüht vorkam, denen das zu weit ging, die sich vorsichtigere Schritte gewünscht hätten. Es war wie immer.

Warum 800 Quadratmeter? Warum nicht 1000? Warum durfte man Stöckelschuhe kaufen, aber nicht ins Restaurant? Da könnte man ja auch auf einen Mindestabstand achten. Warum nur die älteren Schüler wieder in die Schule schicken? Warum nicht die Grund- und Sekundar-I-Stufen-Schüler? Was ist mit den Risikogruppen in der Schülerschaft oder beim Lehrkörper? Oder deren Familien? Wie sollen die Sicherheits- und Hygieneregeln überhaupt umgesetzt werden? In vielen Schulklos gibt es nicht mal warmes Wasser zum Händewaschen. Geschweige denn ausreichend Masken oder Desinfektionsmittel. Und wer sollte die Einhaltung der Vorschriften eigentlich überwachen? Und wie? Fragen über Fragen. Und kaum Antworten. Wie auch?

Aber auch aus den Landesregierungen kamen schon am Donnerstagmorgen ganz unterschiedliche Statements. Zwar lobten alle die getroffenen Verabredungen, die ja für die ganze Republik gelten sollten, aber, leider, leider, müsse man im Einzelfall abweichende Regelungen treffen. Einige Länder wollten früher die Schulen wieder öffnen, damit sich die Prüflinge besser vorbereiten könnten, andere wollten später als verabredet wieder mit dem Unterricht starten. Gut, Schulpolitik ist Ländersache. Ist klar. Aber das war ja eigentlich auch schon am Mittwoch klar.

Es gab zweifelsohne auch gute Argumente dafür. Unterschiedliche Infektionszahlen in den einzelnen Ländern. Aber auch die unterschiedlichen Ferientermine. Das stimmte schon.

Aber auch, wer wann und wo seinen Puff oder ihr Möbelfachgeschäft wieder öffnen dürfte, bei welcher Größe der Verkaufsfläche und bei welcher Wetterlage, sollten schließlich die Länder selbst regeln. Da hätte man sich die bundesweit gültigen Regelungen in dieser spektakulären Videokonferenz auch sparen können. Aber sei es drum. Mal sehen, wie die das jeweils handhaben würden. Ich war gespannt.

Die Entwicklung in den USA, in Großbritannien und in vielen anderen Ländern spitzte sich derweil immer weiter zu. Aber auch in Italien stiegen die Todesfallzahlen wieder an. Wir würden noch lange damit zu tun haben. Das war klar. Über den Berg waren wir noch lange nicht. Auch wir nicht. Und in vielen Teilen dieser Welt griff das Virus erst jetzt so richtig um sich. Niemand wusste, was da noch auf die Menschheit zukam. Ich auch nicht. Ich konnte das auch nicht wissen, weil ich ja zur dritten Expertengruppe gehörte.

Ganz persönlich habe ich mich am Donnerstag sehr über die Gäste bei einer Trauerfeier, die ich am Nachmittag hielt, geärgert. Und zwar richtig. Es waren 35 statt der erlaubten 10 Gäste anwesend. Niemand hielt sich an die Abstandsregeln und man lag sich regelrecht in den Armen. Jung und Alt wild durcheinander. Auch mir rückten die Menschen immer wieder viel zu dicht auf die Pelle und ich musste zusehen, dass ich meinerseits wieder den gebotenen Abstand herstellen konnte. Ich hatte und habe für ein solches Verhalten überhaupt kein Verständnis. Am liebsten hätte ich den Leuten gesagt, dass ich am nächsten Tag eine Trauerfeier für meinen ersten Covid-19-Verstorbenen haben würde. Aber ich kann mich ja benehmen. Im Gegensatz zu denen. Das war wirklich ärgerlich.  So sind die Menschen wohl. 

17.

Unser kleines Dorf hielt derweil einen tiefen sozialen Winterschlaf. Und das bei allerschönstem Frühlingswetter. Alle, fast alle, hielten sich an die vorgegebenen Regeln. Hier und da traf man bei einem Spaziergang ein Päärchen (Päärchen? Pärchen? Päarchen? Paärchen? Ich wusste noch nie, wie man das schreibt…), man grüßte sich freundlich und machte einen großes Bogen umeinander herum. Manchmal blieb man auch stehen und unterhielt sich – natürlich in gebührendem Abstand – ein Weilchen. Man war ja mittlerweile richtig froh, mal jemanden zu sehen und eine andere Stimme zu hören. Abgesehen von der Stimme der eigenen Ehefrau zumindest. Die hörte ich natürlich immer gern. Wirklich.

Von Krise war kaum etwas zu spüren. Zumindest dann nicht, wenn man medial einigermaßen abstinent war. Das wirtschaftliche Leben im Dorf ging seinen, ohnehin schon sehr beschaulichen Gang -  vielleicht einen Schritt langsamer noch als sonst -, das Landgasthaus lieferte seine afrikanischen Spezialitäten aus, der Schrauber schraubte, der Bäcker backte, der Maurer mauerte und die Haare wuchsen. Die beiden Friseursalons in Jeinsen hatten ja zu.

Die Leute werkelten in ihren Häusern und Gärten – Gott sei Dank hatten die Baumärkte ja wieder geöffnet -, sie pinselten, hämmerten und sägten, sie pflanzten, schnitten und gruben, dass es nur so eine Freude war. Wenn man daraus hätte einen Comic machen wollen, dann kämen aus allen Häusern und Gärten diese lustigen Geräuschtexte wie „klopf“, „krrrrrrk“, „Boooohr“, „Hämmer“, „Quietsch“ und natürlich diese schönen Fluchsymbole wie Totenkopf, Blitz und Donner, wenn sich vielleicht jemand mit dem Hammer auf den Daumen gehauen hatte.

Das ganze Dorf erstrahlte in einem nie dagewesenen Glanz, gleich so, als wolle es unbedingt den Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ gewinnen wollen. Und das alles bei einem strahlendblauen Himmel, an dem schon seit Wochen keine Kondensstreifen von Flugzeugen mehr zu sehen waren. Es war herrlich. Und wenn nicht Krise gewesen wäre, hätte man den Eindruck bekommen können, die Welt wäre in allerbester Ordnung.

War sie ja auch, zumindest in Jeinsen. Der Einkaufsdienst lief, die Menschen achteten aufeinander und sogar der Grünguthof war wieder geöffnet. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Schlimmste ausgestanden war.  Und anders als beim Wertstoffhof in Pattensen, lief es bei Günther Kleuker auf dem Hof wie am Schnürchen. Immer nur sechs Autos gleichzeitig. Und ein paar Schubkarren. Die Leute waren diszipliniert und alle hielten sich an die Einbahnstraßenregelung, die extra für die An- und Abfahrt auf dem Hof eingerichtet wurde. Wir waren froh, dass wir unser Grüngut, das sich nun schon seit Wochen in den Gärten gestapelt hatte, endlich loswerden konnten. Alles prima.

Beim Wertstoffhof in Pattensen lief es indes wohl nicht so glatt. Denn der musste nur eine Stunde,  nachdem er in der vergangenen Woche ebenfalls endlich wieder geöffnet hatte, wieder geschlossen werden, weil sich der Verkehr bis auf die B443 zurückstaute. Völliges Verkehrschaos. Die Polizei und Feuerwehr lösten den Stau auf und leiteten die Autos mit den verzweifelten Insassen geordnet ab. Ich fragte mich, wie man auf die Idee kommen konnte, sich gerade dann auf den Weg zu machen, seinen Müll zu entsorgen, wenn es wahrscheinlich alle täten? Als würde der Wertstoffhof nie wieder geöffnet sein. Es war doch klar wie Kloßbrühe, dass da das völlige Chaos ausbrechen würde. Aber wahrscheinlich hatten die Leute einfach zu viel Zeit und entrümpelten ihre Butzen schon seit Wochen. Und nun stand der ganze Scheiß im Flur, in der Küche und in der Garage herum und gammelte vor sich hin. Das musste man nun loswerden. So schnell wie möglich. Und alle auf einmal. Naja, so sind die Menschen eben.

Wie gesagt, bei uns im Dorf war die Welt weitgehend in Ordnung.

In der übrigen Welt zeichnete sich unterdessen ein sehr unterschiedliches Bild ab. Während sich in einigen Ländern die Lage ganz langsam zu entspannen schien - wie zum Glück und allen Anstrengungen zum Dank auch bei uns - schossen die Infektionszahlen in den USA in Großbritannien regelrecht durch die Decke. Und damit auch die Zahl der Todesopfer.  

In Afrika, so schien es mir, brachte sich das Virus dagegen erst noch richtig  in Stellung, bevor es zum Generalangriff blasen wollte. Ich mochte mir gar nicht ausmalen, welch verheerende Wirkung es wohl gerade in den ärmsten Ländern dieser Welt entfalten würde. So sehr ich auch hoffte, dass es nicht zum Schlimmsten kommen würde, so wusste ich doch, dass es wahrscheinlich genau so kommen würde.

Welch ein Drama würde da auf die Menschheit zukommen?  Würde es eine weltweite Solidarität geben? Würden wir den Ärmsten der Armen jetzt helfen? Und wenn, warum taten wir das nicht bei viel einfacher zu bewältigenden Krisen wie dem Hunger etwa? Stand 18.04.2020,  redeten wir von etwa 150.000 Menschen, die an den Folgen von Covid-19 gestorben waren. Leider war zu erwarten, dass die Zahl der Todesopfer noch dramatisch steigen würde. Das war und ist furchtbar. Jeder Aufwand, der nötig war, das Sterben einzudämmen, war richtig.

Einzelne Patienten wurden mit Militärmaschinen unter intensiv-medizinischen Bedingungen aus Frankreich oder Italien nach Deutschland geflogen, um sie hier zu behandeln. Was für Kosten! Und ich fand und finde es dennoch richtig. Gleichzeitig zeigte sich die EU aber unfähig, 48 Menschen aus Kriegsgebieten, die auf dem Mittelmeer in Seenot gerieten, aufzunehmen. Sie ertranken. Ich fand und finde das falsch. Das stand alles in keinem guten Verhältnis.

Manchmal muss man das Eine tun, ohne das Andere zu lassen.

Die Welt vollführte einen unglaublichen finanziellen Kraftakt, um  die Corona-Pandemie einzudämmen. Es waren Billionen von Euros, die da aufgewendet wurden. Billionen und Aberbillionen. Ganze Volkswirtschaften wurden an den Rand des Ruins gebracht. Wie hoch der wirtschaftliche Schaden werden würde, war überhaupt nicht abzusehen. Allein in den USA stieg in knapp vier Wochen die Zahl der Menschen, die im Rahmen des Lockdown ihre Arbeit verloren,  um fast 30 Millionen!  Und in vielen anderen Ländern sah das im Verhältnis auch nicht viel besser aus. In Deutschland hielt sich zumindest der Anstieg der Arbeitslosigkeit dank Kurzarbeitergeld und diverser anderer Maßnahmen im Moment noch in Grenzen. Aber dennoch. Der Schaden, den die Bekämpfung der Corona-Epidemie anrichten würde, würde immens sein. Das war klar. Dennoch waren die Anstrengungen richtig.

Aber andererseits verhungern täglich 24.000 Menschen auf der Welt. Täglich! Tagtäglich! Jeden Tag! Tag für Tag! Das sind 8.760.000 im Jahr!!! Jährlich! Jedes Jahr!

Der Hunger in der Welt ließe sich im Vergleich zur Corona-Krise  nun wirklich mit viel einfacheren und kostengünstigeren Mitteln bekämpfen. Während weltweit in 2019 die Ausgaben für Rüstung und Militär bei sagenhaften 1.800.000.000.000 (1,8 Billionen, 1.800 Milliarden!!!) Dollar lagen, betrug die weltweite Entwicklungshilfe lediglich knapp 150 Milliarden US-Dollar. Entwicklungshilfe ist aber nicht nur Hungerbekämpfung. Dazu gehört noch viel mehr. Das geht jetzt aber hier zu weit. Aber um allein den Hunger auf der Welt auszurotten und alle Menschen satt zu machen, bräuchte man nur etwa 30 Milliarden. Warum nur war die Welt bereit, das 60-fache für das Töten von Menschen auszugeben, als für deren Rettung? Das habe ich noch nie verstanden.

Aber ich bin ja auch kein Experte.

Leider. Und Gott sei Dank. Beides.

18.

Aber es gab dieser Tage neben dem, was alle so besorgt und betrübt hat, auch so viel Schönes und Bewegendes. Und wie das ganze Gejammer und  Gezeter, wie das Beleidigen und Hetzen gegen die vielen Einschränkungen, das Zweifeln und Leugnen des offiziell verlautbarten Ausmaßes der Krankheit, all das Spekulieren und geheime Wissen einiger weniger „Erleuchteter“ um die „wahren!!!“ Ursachen für die Pandemie und das Klagen und Schimpfen über die nicht, oder zu langsam greifenden Hilfspakete der Bundesregierung, fand eben auch das im Internet statt. Auf den gleichen Plattformen. Instagram und Facebook.

Ich rede von den unzähligen Couch-Konzerten, von den Lesungen, von den virtuellen Kunstausstellungen, Live-Blogs und -Streams. Unglaublich, was die Kreativen dieser Welt sich alles einfallen ließen, um den brav zuhause Gebliebenen die Langeweile zu vertreiben.

Da war nun wirklich für Jeden etwas dabei. Sofern er oder sie über einen einigermaßen funktionierenden Internet-Zugang verfügte.

Ganz gleich, ob Weltberühmtheit oder Lokalmatador. Jeder, der beruflich, oder auch als Hobby, mit Musik, Tanz, bildender Kuns, Literatur oder was es sei, kreativ tätig war, hatte ja aufgrund des Veranstaltungsverbotes unendlich viel Zeit.

Manchmal waren es ganz einfach produzierte Wohnzimmerkonzerte einzelner, mehr oder minder berühmter Musiker*innen, die einfach ihre Handykamera auf den Tisch stellten, sich eine Gitarre, eine Geige schnappten oder sich ans Klavier setzten und drauflos musizierten.

Etliche Superstars und Topmusiker spielten völlig allein in ihren Studios auf oder streamten live aus ihrem Garten. Es gab aber auch ganz aufwändig produzierte Veranstaltungen von Tanzensembles oder ganzen Orchestern, in denen jeder Akteur zeitgleich von zuhause aus ein Ballett oder eine Symphonie aufführten. Total geil gemacht.  

Autor*innen lasen bei Kerzenschein und einem Glas Wein aus ihren Werken, Maler*innen und Bildhauer*innen führten den geneigten Betrachter virtuell in die Welt ihrer Bilder oder Statuen ein, Sterne- oder Hobbyköche gaben kostenlose Kochkurse und einige Formel-1-Fahrer boten sogar virtuelle Grand-Prix-Rennen für jeden Formel-1-Fan  an, der oder die sich mal mit den Toppiloten der Königsklasse im Motorsport messen wollten.

Lokal arbeitende Musiker*innen stellten sich mit ihren Instrumenten und Stimmen in die Innenhöfe von Alten- und Pflegeheimen und gaben für die Bewohner*innen und Pflegenden „Balkon-Konzerte“, und brachten diesen Menschen, die ja ganz besonders unter den herrschenden Bedingungen litten, eine kleine Freude zu machen und ihnen zu zeigen, dass sie nicht vergessen wurden.

Das Angebot und die Zahl der vielen echten oder virtuellen Veranstaltungen war einfach umwerfend. Und ich war wirklich schwer begeistert und tief berührt von der Kreativität und dem Engagement der unzähligen Kunstschaffenden dieser Welt. Diesen Menschen kann man gar nicht genug danken. Und das heißt auch, dass wir diese Berufsgruppe jetzt nicht finanziell im Regen stehen lassen können.

Um einen Sting, einen Phil Collins oder Mick Jagger, die auch alle kostenlose Couch-Konzerte gegeben haben – Dank dafür! -, mache ich mir dabei die geringsten Sorgen.

Aber um einen Daniel F., der mit sich und seiner Gitarre eben solche „Balkon-Konzerte“ in Altenheimen gab, um eine Susanne R., die sich mit ihrer Stimme und ihrer Geige als Solo-Musikerin, obwohl sie so gut war, nur schwer wirtschaftlich über Wasser halten konnte, um „Deine Cousine“, die meine Nichte ist, um so viele Künstlerinnen und Künstler jedweden Genres, die von ihrer Kunst mehr schlecht als recht leben konnten, schon. Um die machte ich mir erhebliche Sorgen. Die musste der Staat jetzt stärker unterstützen, wenn wir als Gesellschaft die Kultur für uns nicht drangeben wollten. Ich wollte das nicht.

Den Vorstoß Bayerns, jedem in Not geratenen Kunstschaffenden unbürokratisch eintausend Euro monatlich zu zahlen fand ich großartig. Ob das im Einzelfall ausreichend war, sei hier einmal dahingestellt. Aber es war eindeutig besser als nix.

Aber auch hier im Dorf klappte das mit der Kreativität und der Verbreitung von Kunst ganz prima. Kinder malten Bilder, die sie an ältere Menschen in ihrer Nachbarschaft verschenkten, damit auch die wüssten, dass sie nicht vergessen waren, auch wenn sie ihnen nicht begegnen konnten.

Am Ostersonntag blies ein engagiertes Mitglied unserer Kirchengemeinde mit seiner Trompete vom Kirchturm, um den Gläubigen die Botschaft von der Auferstehung Jesu zu verkünden und ihnen das Gefühl zu vermitteln, in der Andacht und im Gebet durch das gemeinsame Hören vereint zu sein.

Jeder und jede, der oder die irgendetwas tun konnte, um der Allgemeinheit eine Freude zu machen, tat das oder versuchte es zumindest. Das war wirklich beeindruckend und vermittelte mir ein sehr schönes, ein sehr warmes und sehr hoffnungsvolles Gefühl. Wirklich toll. Vielen Dank dafür.

Jeder unterstützte den anderen so gut es ging. Zumindest war das mein Eindruck. Das Afrika-Geschäft unserer hiesigen Gastronomie wurde – so glaube ich – gut angenommen. So gut das eben ging. Wir alle wollten ja, dass „unsere“ Wirt(h)sleute Franzi und Daniel vom Landgasthaus Jeinsen diese Krise irgendwie überstehen würden. Auch wenn wir wussten, dass das Togo-Geschäft natürlich nicht ausreichend war. Der Biergarten geschlossen. Und das bei diesem Wetter. Die meisten Feiern abgesagt. Der Getränke-Umsatz im Tagesgeschäft weg. Eine wirtschaftliche Katastrophe. Aber mehr, als regelmäßig afrikanische Spezialitäten abzuholen, war eben nicht erlaubt. Nach der Krise werden wir uns kollektiv und regelmäßig im Landgasthaus besaufen. Versprochen.

Uns persönlich ging es nach wie vor gut. Erstaunlicherweise. Was blieb uns auch? Schlecht wäre es uns ja auch nicht besser gegangen. Oder?! Wir gingen spazieren, daddelten in Haus und Garten rum, sportelten zuhause – inzwischen hatte ich ein vollständiges Fitness-Studio eingerichtet und amüsierten uns nach Kräften. Ja, es ging uns gut. Immer noch.

Ich nutzte die Zeit, um meine geklauten REWE-Körbe mit meinen gesammelten Quittungen und  Rechnungen zu sortieren, Aufstellungen und Bilanzen zu machen und mal wieder meine Steuererklärung zu verfassen. Ihr wisst schon. Auch die ganze Ablage habe ich gemacht. Ehrlich. Alles weg. Schreibtisch leer. Ist ja auch nicht nix. Meine Frau war begeistert.

Und weil ich auch nicht mehr so viel esse, haben wir auch immer noch, obwohl wir seit Januar keines mehr gekauft haben, ausreichend Klopapier. Echt. Ich habe nichts gehortet. Früher nicht und jetzt auch nicht. Ganz ehrlich. Aber ich kaufe eben immer eine Packung mit vierzig Rollen. Das reicht immer noch. Und Doris hat mir ja auch noch zwei Rollen geschickt.

Nein, wir litten an nichts. Außer daran, dass auch wir immer noch so wenig soziale Kontakte hatten. Die vermissten wir sehr. Vor allem unsere Kinder vermissten wir sehr. Aber auch meine Brüder, unsere Freunde und einfach alle, mit denen wir so gern zusammen waren.

Aber naja, das ging uns ja nicht allein so.

19.

Was sich dieser Tage, also so gut zehn Tage nach Ostern, in Sachen Wiederhochfahren der Wirtschaft, der Schulen und des ganzen sozialen Lebens abspielte glich einem einzigen Schmierentheater. Oder einem Trauerspiel. Oder einer Tragikomödie. Oder allem zugleich. Jedenfalls war es ein Witz. Und zwar ein schlechter.

Deutschland glich einem einzigen Flickenteppich. Überall galten mittlerweile andere Lockerungen oder Einschränkungen. Die Bundesländer kochten – trotz der Übereinkunft vom Mittwoch nach Ostern,  bundesweit einheitliche Regelungen einzuführen – fast ausnahmslos ihr eigenes Süppchen. Sei es bei der Wiedereröffnung der Schulen, darüber habe ich ja schon berichtet, sei es bei der Größe oder der Art der Geschäfte, die wieder aufmachen durften. Auch darüber habe ich mich ja schon ausgelassen. Aber dennoch. Es ist wohl noch einmal nötig.

Autohäuser durften öffnen, Möbelhäuser nicht. IKEA (vielleicht wegen des schwedischen Sonderweges???) aber schon.  Aber nicht überall. In Ulm (Baden-Württemberg) durften etliche Geschäfte öffnen,  in Neu-Ulm (Bayern) ging nix. Dabei lagen zwischen diesen beiden Städten nur drei Autominuten. Das konnte man keinem erklären. Versuchte daher auch niemand. Hätte auch niemand verstanden. Versuchte daher auch keiner.

Einigen großen Kaufhäusern wurde es erlaubt, ihre Verkaufsfläche auf 800 Quadratmetern zu verkleinern, damit sie ihr Geschäft wieder in Gang bringen konnten, andere durften nix und blieben dicht. In Berlin – glaube ich – durften einige Restaurants wieder öffnen, in Thüringen durfte man draußen nicht mal ein Eis essen. Auch nicht, wenn man nur zu zweit, allein oder gar nicht unterwegs war. Mancherorts durfte man im Freien nur etwas essen, wenn man eine Maske trug, andernorts stellte man fest, dass das ja gar nicht ging. Überhaupt das Maskenthema…, da komme ich noch drauf.

Mecklenburg-Vorpommern war immer noch völlig dicht, die Bayern würden es wohl wegen des abgesagten Oktoberfestes nicht sein. (Vorsicht: Sprachwitz! Muss man können!) Urlaub konnte man dieses Jahr wohl vergessen. Massenbesäufnisse auch. Ein Jammer. Manche Friseursalons dürften ab dem 4. Mai wieder öffnen, anderen war das zu früh, wieder anderen zu spät. Mir war dieses Thema insgesamt zu haarig. Wie ich auch. Mir war ich auch zu haarig. (Ich war erstaunt, dass meine Frau nie wieder das Thema Haare anschnitt. Ostern wollte sie mir die Haare noch selbst schneiden. Nun schien sie es vergessen zu haben. Vielleicht hatte sie aber auch Angst, dass ich es ihr gleich täte. Wer weiß?)

Welche Branche auch immer: Es wurde gejammert, geklagt, gefordert, geweint, und gebeten. Oder jubiliert, aufgeatmet, frohlockt und in die Hände gespuckt. Je nachdem. Alle, die ihr Geschäft nicht wieder öffnen durften waren wieder die am ungerechtesten, schlechtesten und am vollergemeinsten Behandelten, viel schlimmer als wirklich alle, alle anderen. Und ausgerechnet ihre Not würde niemand, überhaupt niemand sehen.

In manchen Bundesländern wurden Demonstrationen wieder zugelassen, um den Bürger*innen einen Teil ihrer Grundrechte zurückzugeben, in anderen Fürstentümern blieb es sogar „besten Freundinnen“ weiterhin verwehrt, gemeinsam auf Toilette zu gehen.

Der Föderalismus spielte seine ganze Stärke aus. Echt.

So. Jetzt aber: Masken!

 Ja oder Nein? Da war man sich ja noch uneiniger als bei der Frage nach den Lockerungen. Wenn ja, welche? FFP2 oder 3? Reichte selbstgenäht? Oder auch ein Schal vor dem Mund? Jedes Bundesland entschied anders. Während  in Jena in Thüringen schon seit Wochen eine Maskenpflicht herrschte und die Stadtoberen auch nach Kräften dafür sorgten, dass die Menschen dort auch Masken bekommen konnten, lehnte Niedersachsen zum Beispiel eine Maskenpflicht ab. Hier waren ja auch keine zu bekommen. Außer vom Landfrauenverein oder Doris. Da hätte man sich mit der Maskenpflicht lächerlich gemacht. Aber nach und nach erließen immer mehr Bundesländer die Verpflichtung, im Freien, zumindest beim Einkaufen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln, einen Mund-Nase-Schutz zu tragen. Wie immer der auch aussehen mochte. Was immer der auch immer bringen mochte.

Interessant war, dass die Bundesländer, die gegen eine Maskenpflicht waren, auch keine zur Verfügung stellen konnten. In Jena zum Beispiel, wo jeder eine Maske tragen musste, egal, was für eine, gab es nun seit Tagen keine Neuinfektionen mehr. Aber was beweist das schon?

Die Experten spalteten sich in drei Lager. Dafür, dagegen und weiß nicht. Ich gehörte mittlerweile der ersten Experten-Gruppe an, weil mir die Meinung der dritten Gruppe zu heikel war. Ich dachte, wenig Schutz ist besser als keiner. Aber ich hatte ja auch keine Ahnung. Und damit gehörte ich irgendwie auch zur dritten Gruppe. Ich war quasi ein Doppel-Experte. Ich war in dieser Frage völlig verwirrt. Wie immer. Dieser Gemütszustand war mir mittlerweile sehr vertraut.

Irgendwie hatte ich auch das Gefühl, dass sich die Landesmütter und -väter einen regelrechten Über-, oder auch Unterbietungswettbewerb lieferten. Besonders Armin Laschet und Markus Söder schienen sich richtig zu behakeln. War nur so ein Gefühl. Hatte sicher nix mit der anstehenden Kanzlerkandidatur in der Union zu tun. Bestimmt nicht. Mutti mahnte derweil vor einer Öffnungs-Diskussions-Orgie und mahnte eindringlich zur Einigkeit. Aber was hatte die auch schon zu verlieren? Nix, wie ich fand. Und darum schwante mir, dass sie wahrscheinlich Recht haben könnte.

Wie gesagt, nüchtern betrachtet, herrschte völlige Verunsicherung bei den Menschen. Was galt nun wo? Wie musste man sich hier und wie dort verhalten? Musste man nun ein Maske tragen oder nicht? Und wie viele Leute dürfen mit verkehrt aufgesetzter Maske eigentlich in einem Fahrstuhl fahren? Wenn man nicht Bundesgesundheitsminister ist. Fragen über Fragen. Und noch mehr Antworten. Es war eine verwirrende Zeit.

Und während die Einen die allmählichen, wenn auch völlig chaotischen, Lockerungen feierten, mahnten Andere schon wieder vor einer zweiten Infektionswelle. Das waren die Experten. Die mussten auch keine Wahlen gewinnen.

Wenn man das Ganze international betrachtete, war das Wirrwarr noch größer. Trump wiegelte seine Deppen zur Rebellion gegen die Gouverneure auf, die eine vorschnelle Lockerung ablehnten, um seine Wiederwahl im November zu sichern, Johnson wollte schon wieder die arme Queen treffen, die gerade ihren 94. Geburtstag in völliger Abgeschiedenheit ertragen hatte, und Netanjahu sicherte sich mit einem obskuren Koalitionsvertrag zunächst für weitere eineinhalb Jahre politische und juristische Immunität, die ihn vor einer Verurteilung wegen Korruption und Bestechung bewahren würde.  

Lustig fand ich, dass die Ölmärkte kollabierten. Am Dienstag haben Ölhändler, die an der Börse Rohöl kaufen wollten, noch Geld dazu bekommen. Verrückte Zeiten. Aber das half mir nix. Ich konnte mit Rohöl dieser Tage auch nichts anfangen.

Gar nichts.

Schade eigentlich.

20.

Mit Rohöl konnte ich ohnehin nie etwas anfangen. Dafür bin ich nicht raffiniert genug. Aber Benzin brauchte ich natürlich schon. Normalerweise. So günstig wie Mitte April war das Zeug schon lange nicht mehr. Kein Wunder bei den Rohölpreisen auf dem Weltmarkt. Völlig am Boden.

Das Drama um die Ölpreise muss ich vielleicht noch mal kurz aufgreifen und erklären. Sonst versteht man das ja gar nicht. Und man versteht im Moment sowieso nicht so viel. Da kann man doch wenigstens das Ding mit dem Öl versuchen zu kapieren. Kann ja nicht schaden. Oder?! Ja, dachte ich auch. Ich erkläre das jetzt mal. Also schön aufgepasst:

Eigentlich kannte die Preisentwicklung für Heizöl, Benzin und Diesel immer nur eine Richtung. Steil nach oben. Höchstens mal eine kleine konjunkturbedingte, zeitlich begrenzte Delle nach unten, die sich aber immer schnell wieder nach oben ausbeulte.

Wegen Corona fuhr ich natürlich nur noch sehr selten mit dem Auto. So wie viele andere auch. Wir verbrauchten also so gut wie keinen Sprit. Das war schade, weil der Sprit ja so ausgesprochen preiswert war. Die Umwelt hat es allerdings gefreut. Naja. Und der Sprit war natürlich genau darum auch so billig, weil eben kaum welcher nachgefragt wurde. Das nennt man Marktwirtschaft. Angebot und Nachfrage regeln den Preis. Keine Nachfrage - Ramschpreise. Hohe Nachfrage - Wucherpreise! So funktioniert das. Kennen wir. Vom Klopapier zum Beispiel. Scheiße, war das während der Krise teuer geworden!

Mein Benzin-Dealer Mario fand das alles natürlich nicht so gut, weil er auf der sonst so kostbaren Suppe sitzen blieb. Da konnte er die Preise runterschrauben, wie er wollte. Er wurde die Plörre einfach nicht los. Mist. Sein Erdtank war also noch randvoll. Dummerweise stand schon die nächste Lieferung seines Mineralstoffhändlers vor der Tür. Der kam ja alle paar Wochen. Quasi automatisch. Zwar wird Sprit nicht schlecht, aber es war eben einfach kein Platz mehr. Also rief mein Mario seinen Händler an und sagte, dass er für den Moment keine neue Lieferung gebrauchen könnte und daher die ganz Ladung abbestellen würde. So. Das tat mir für Mario sehr leid. Und für seinen Lieferanten auch.

Denn nun hatte der Großhändler ein Problem. Denn der hatte seinerseits auch schon turnusgemäß Nachschub bei der Raffinerie in Hamburg bestellt. Der Dussel. Und nun wurde sein Lager einfach nicht leer. Was sollte er also tun? Auch er griff zum Telefon. Er tat mir auch leid. Die Raffinerien der Ölmultis ihrerseits waren auch nicht gerade erbaut darüber, dass sie auf ihrer frisch gebraute Brühe hocken blieben, denn die nächsten Tanker lagen schon randvoll mit Rohöl auf Reede und warteten darauf, dass sie ihre Ladung löschen konnten. Die taten mir nicht mehr ganz so leid. Eigentlich gar nicht, wenn ich ehrlich bin.

Aber wohin nun mit der zähen Pampe? Die Tanker mussten unbedingt leer werden, denn sie wurden schon von den ölexportierenden Ländern sehnsüchtig erwartet, die schon wieder Unmengen des schwarzen Goldes aus der Erde gepumpt oder gepresst hatten. Also wurde das Öl an den Börsen geradezu verschenkt und manch einer bekam noch Geld dazu, wenn er eine Tankerladung abnahm, weil er eine Möglichkeit hatte, das Öl irgendwo zwischenzulagern. Der Ölpreis brach völlig ein. Die Börsen-Spekulanten, die auf stetig steigende Ölpreise gewettet hatten und die Ölmultis taten mir gar nicht leid. Nicht die Bohne.

Die Saudis und die russischen Öl-Oligarchen taten mir auch nicht leid. Überhaupt nicht. Und der blöde Trump, der sein Öl vor allem mit dem höchst umweltschädlichen Fracking aus der Erde presste, schon mal gar nicht. Fracking lohnte sich wirtschaftlich nur, wenn der Ölpreis sehr hoch ist, weil es im Vergleich zur Förderung mittels Pumpen sehr teuer war. Und eine Umweltsauerei allererster Güte. Das hatte er nun davon. Ich gönnte es ihm. Diesem Vollhorst!

Ja, so war das damals. Und ich malte mir schon mal aus, wie an den Weltbörsen der Preis für Klopapier zusammenbrach, wenn die Welt sich erst mal ausgeschissen hatte und die Nachfrage drastisch einbrechen würde. Ich liebte die Marktwirtschaft. Zumindest die soziale Marktwirtschaft nach Ludwig Erhard. Die „freie“ oder auch neoliberale Marktwirtschaft nach Christian Lindner fand ich dagegen nicht so toll.

Aber das ist, wie so oft, schon wieder eine andere Geschichte. Es gibt überhaupt so viele Geschichten, die man erzählen könnte. Wenn man denn wollte oder könnte.

Die Geschichte vom Fußball zum Beispiel. Die schönste Nebensache der Welt steckte in einer tiefen Krise. Seit Anfang März fanden keine Fußballspiele mehr statt. Nicht in der Kreisliga, nicht in der Bundesliga, nicht international. Alles abgeblasen. Diese Entscheidung war natürlich goldrichtig, denn mit zigtausend Menschen gefüllte Stadien wären natürlich ein idealer Ansteckungsherd für das Virus. Ja, die Absagen waren vollkommen richtig.

Aber das brachte natürlich mehrere Probleme mit sich.

Zunächst war nicht sicher, ob man bei einem länger anhaltenden Shutdown die Ligen überhaupt zu Ende spielen würde können. Das betraf alle Ligen. Weltweit. Und es hatte natürlich erhebliche finanzielle Konsequenzen. Vor allem für die Profi-Vereine. Die Stadion-Einnahmen brachen schlagartig weg. Pro Verein und Spieltag zwischen einer und drei Millionen Euro. Einfach weg. Und, was noch schlimmer war, die Abermillionen aus den Rechten der Fernsehübertragungen. Das wog noch viel schwerer. Außerdem zogen sich etliche Sponsoren zurück, weil sie selbst in wirtschaftliche Schieflage gerieten. Das war schon dramatisch.

Um die millionenschweren Spieler, Trainer und Manager der Profi-Clubs machte ich mir auch hierbei die geringsten Sorgen. Die fand ich schon immer völlig überbezahlt. Das war in meinen Augen schon obszön, was da teilweise an Gehältern bezahlt wurde.

Aber um die vielen kleinen Angestellten, die so ein Verein hatte, sorgte ich mich schon. Um die vielen Reinigungskräfte, Platz- und Zeugwarte, die Buchhalter*innen und sonstigen Angestellten, die dafür sorgten, dass im Profi-Fußball alles reibungslos flutschte. Um die sorgte ich mich. Es gab zwar etliche Profis, die um dieser Mitarbeiter*innen auf einen Teil ihres Gehaltes verzichteten, aber das reichte natürlich nicht.

(Das alles gilt hier natürlich für alle Sportarten, Kulturveranstaltungen und alles, was ich jetzt blöderweise nicht genannt oder bedacht habe.)

Außerdem spielte der Fußball eine nicht zu unterschätzende gesellschaftliche Rolle. Er sorgte dafür, dass samstags weniger Männer ihre Frauen verprügelten, weil sie ja auf die Fans der gegnerischen Mannschaften einschlagen konnten, sie steigerten den örtlichen Bierumsatz um ein Gewaltiges und hatten einfach etwas um die Ohren. Fußball als Ausweg aus der Ausweglosigkeit eines traurigen oder langweiligen Daseins vielleicht. Ich habe das nie wirklich verstanden. Ich war aber auch kein ausgesprochener Fußballfan. Aber die sozialen Folgen des nicht stattfindenden Fußballs schwanten mir schon.

Ende April beschloss die DFL (Deutsche Fußball Liga) nach Rücksprache mit dem RKI und der Bundesregierung, zumindest Geisterspiele durchzuführen. Also vor leeren Stadionrängen. Aber dafür live übertragen im bezahlfreien Fernsehen. Das wäre schon mal etwas. Es würde vielleicht wieder etwas mehr Frieden in die deutschen Haushalte einziehen und die Meisterschaften könnten zu Ende gespielt werden. Die Vereine würden wenigstens die Fernsehgelder einnehmen können. Das wäre vielleicht nicht so schlecht.

Eine Idee fand ich dagegen ziemlich schlecht. (Ja, ich weiß, ich habe immer etwas zu meckern.) Ausnehmend schlecht fand ich nämlich die Idee, dass die Profi-Kicker ganz engmaschig auf Corona getestet werden sollten. Weil Fußball irgendwie ziemlich kontakt- und körpernah war. Klar. Leuchtete ein.

Aber da wären binnen kurzer Zeit gut 20.000 Test fällig gewesen. Da fand ich dann doch, dass diese Tests besser für die Menschen vorbehalten werden sollten, die an ganz anderer Stelle als für die Unterhaltung kontakt- und körpernah an anderen Menschen arbeiteten. Und das, ganz ohne Andere zu foulen, sondern um sie zu heilen oder zu pflegen. Krankenhaus- und Pflegeheimpersonal zum Beispiel. Das fand ich sinnvoller. Naja, ich bin ja auch kein Fußballfan. Und Experte auch nicht. Gott sei Dank.

Ich war ohnehin heilfroh, dass ich nix zu entscheiden hatte. Gar nix. Nicht, wann welches Geschäft öffnen durfte oder nicht. Nicht, wann welche Schüler wieder zur Schule gehen durften (komisch, früher hätte ich „müssen“ geschrieben…, so ändert sich das mit der Krise!). Ich musste nicht entscheiden, wann, wer, welche staatlichen Hilfen bekommen sollte, wo, wie, wann, und wenn denn dann, welche Masken getragen werden mussten und was weiß ich nicht alles. Ich musste das alles nicht entscheiden. Gott sei Dank. Ich musste nicht mal entscheiden, wann der Rasen gemäht werden musste. Das machte meine Frau für mich und sagte mir dann, wann ich den Rasenmäher-Roboter rausschicken sollte. Ja, nicht mal das musste ich entscheiden.

Ich war heilfroh, all das nicht entscheiden zu müssen.

Denn wenn ich es gemusst hätte, dann hätte ich mich wahrscheinlich genauso wie unsere Politiker entschieden.

Nämlich – zumindest in den Augen der ewigen Nörgler und Drängler, der Zweifler und Besserwisser – völlig falsch!

21.

Diskussionen allerorten. Es war sehr verwirrend. Da ich ja ab und an ganz gern verwirrt war, störte mich das eigentlich auch nicht so sehr. Das war mir durchaus sehr vertraut. Verwirrung war ein Warnzeichen für mich. Immer wenn ich verwirrt war, stimmte irgendwo irgendetwas nicht.

Trump schlug doch allen Ernstes vor, den Menschen im Kampf gegen das Coronavirus Bleich- und Desinfektionsmittel zu injizieren (echt, das hat der vorgeschlagen…) und alle Menschen in den Sommerurlaub zu schicken, weil das Virus dann an Sonnenbrand sterben würde. Ich hatte so gehofft, dass er sich sofort für einen umfassenden und ganz intensiven Selbstversuch zur Verfügung stellen würde. Zur Not hätte ich ihm das Domestos persönlich gespritzt. Literweise. Aber ich wusste nicht, wie ich in die USA kommen sollte.

Boris Johnson drohte damit, die Regierungsgeschäfte in Großbritannien nach dem anstehenden Wochenende wieder selbst zu übernehmen. Den Inselaffen blieb aber auch nix erspart. Aber auf der anderen Seite… sie wollten es ja so. Hatten den Honk ja eigenhändig gewählt. Selbst schuld. Das hatten sie nun davon. Gönnte ich ihnen. Wusste eigentlich noch irgendjemand, was aus dem Brexit werden würde? Ich wusste nix.

Bei uns im Land entbrannte ein heftiger Streit zwischen Mutti und einigen aufmüpfigen Landesregierungen. Zwar hatten sich alle Länder gerade auf eine Maskenpflicht geeinigt, aber einige Länderchefs wollten sich partout nicht an die Vorgabe halten, erst am 6. Mai erneut über Lockerungen im Lockdown zu beraten. In NRW oder Niedersachsen sollten Restaurants, Gaststätten und Biergärten wieder öffnen dürfen. Das fand Mutti zu forsch.

Im Bundestag hatte es ordentlich gerumst. Mutti mahnte nachdrücklich zur Vorsicht bei den Lockerungen, die AfDler fanden alle Maßnahmen völlig falsch und forderten, alle Flüchtlinge sofort abzuschieben und Lindner kündigte die politische Einmütigkeit auf. Da war ganz schön was los.

Ich wusste nicht, was richtig war. Ich wusste nur, dass die Zahl der Neuinfektionen im Begriff war, wieder leicht zu steigen. Wie in allen Ländern, in denen Lockerungen der Umgangs- und Geschäftsbeschränkungen vorgenommen werden. Mal sehen, wie sich das alles entwickeln würde. Dass es einen Anstieg geben würde, war klar. Es ging um die Frage, ob das Ganze beherrschbar bleiben würde. Ich hatte keine Ahnung. Da war ich aber auch ganz froh drüber, denn ich hatte nun mal keine Ahnung.

Ich wunderte mich sowieso über die Maßen, dass Mediziner und Epidemiologien, die jahrelang studiert, geforscht und sich weltweit einen Namen gemacht hatten, von Karl-Heinz, Uschi und Gerd, von Chantal, Dustin und Kevin für Vollidioten gehalten wurden. Und es wunderte mich auch nicht, weil die meisten Deppen ihr „Fachwissen“ aus obskuren Verschwörungstheorien und Fake-News von Facebook und Instagram hatten.

Ja, ich war sehr gespannt, wie das alles ausgehen würde. Ob der konsequente Lockdown sich als richtig erweisen würde? Oder ob der schwedische Sonderweg, die Durchseuchung der Bevölkerung zuzulassen, und damit eine gewisse Herden-Immunität herzustellen, vielleicht doch besser wäre? Wer wusste das schon? Ich wusste das jedenfalls nicht.

Naja, jedenfalls gingen sukzessive immer mehr Geschäfte wieder an den Start. Ja, selbst Gottesdienste sollten unter bestimmten Bedingungen und hygienischen Voraussetzungen ab Anfang Mai wieder stattfinden dürfen. Wie schön.

(Ich möchte hier natürlich auf gar keinen Fall die religiösen Gefühle von Irgendjemandem verletzen. Das liegt mir völlig fern. Ehrlich. Ganz echt. Und wer das, was ich dazu zu sagen habe, nicht ertragen kann, der mache einfach mit Folge 22 weiter. Kommt ja auch irgendwann.)

Also nun auch Gottesdienste. Besonders die Katholische Kirche hatte ja darauf gedrängt, dass die Gemeinde sich bald wieder unter dem Kreuz zum gemeinsamen Gebet versammeln dürfte. Aber immer nur zwei Schäfchen in einer Bank und nur jede zweite Reihe besetzt. Mehr nicht. Und natürlich Maske tragen und kein Abendmahl aus einem gemeinsamen Kelch süppeln. Damit das nicht für viele das letzte Abendmahl werden würde. Das war klar. Na gut. Die zuständigen Behörden stimmten zu. Also würden wohl auch die Gläubigen wieder in schönster Eintracht beieinander knien dürfen. Wie schön.

Ich hatte allerdings auch gar nicht verstanden, warum Gottesdienste während des Lockdowns überhaupt verboten waren. Mir fiel, selbst bei intensivstem Nachdenken, keine einzige Veranstaltung ein, die auch ohne Corona schlechter besucht worden war oder wäre? Sicherheitsabstand? Zu wem denn? Da war doch in den sonntäglichen Götzendiensten sowieso fast niemand, den man hätte anstecken können! Selbst wenn man es gewollt hätte! Mehr Sicherheitsabstand als in einer christlichen Kirche an einem stinknormalen Sonntagsgottesdienst gab es wahrscheinlich nirgendwo auf der Welt. Nirgends.

Wahrscheinlich legte vor allem die Katholische Kirche besonderen Wert darauf, die Gottesdienste wieder zuzulassen, weil die katholischen Priester ihre Messdiener so sehr vermissten. Vermute ich mal. Honni soit, qui mal y pense!

Aber was wusste ich schon? Nix natürlich. Ich wusste nix. Ich wusste auch nicht, wie man überhaupt seine Messdiener missbrauchen konnte. Oder sonst irgendjemanden. Einem anvertraute Kinder. Sich selbst anvertrauende Frauen.
Aber ich bin auch kein katholischer Priester. Zum Glück.

Evangelischer Pastor konnte ich ja eine Zeitlang sein. Ja. Für eine gewisse Zeit ging das. Wenn auch mit Bauchschmerzen. Als die schlimmer wurden - nicht wegen der Menschen in der Gemeinde, nicht wegen der eigentlichen Tätigkeit eines Pastors, nicht mal wegen des hochhässlichen Talars, sondern wegen der kirchlichen Strukturen und Hierarchien -, habe ich dann ja auch gekündigt. Gott sei Dank.

Aber katholischer Priester? Never. Ehrlich. Never. Dafür war ich ja auch viel zu sehr Theologe. Kein ernsthafter Theologe kann katholischer Priester werden. Davon war ich zutiefst überzeugt. Warum? Das könnt ihr ja in meinem Buch „Theologie für Schwergläubige“ nachlesen.

Oder auch nicht.

Wie ihr wollt.

22.

Am Montag der letzten Aprilwoche würde nun also die Maskenpflicht kommen. Beim Einkaufen, in den Öffis und beim Betreten von öffentlichen Gebäuden musste bis auf Weiteres ein Mund-Nase-Schutz getragen werden. Das galt nun für alle. Ob virensichere FFP-Masken, einfache OP-Masken, selbstgenähte Masken oder einfach nur ein Schal. Das war egal. Das musste auch egal sein, denn richtige Schutzmasken gab es ja immer noch nicht. Zumindest nicht in ausreichendem Maße. Und wenn, dann auch nur zu absoluten Mondpreisen.

Aber wenn jeder einen einfachen Mund-Nase-Schutz tragen würde und seine eigenen Tröpfchen damit ein wenig, ein wenig mehr oder sogar ganz zurückhalten würde, dann sei das immer noch besser und wirksamer als nix. Oder gar nix. So sagten zumindest einige Infektiologen. Und die sollten es ja wissen. Dachte ich.

Aber ich musste durch die Facebook-Experten lernen, dass das ja alles völliger Blödsinn sei und diese völlig überzogene Maskenpflicht überhaupt der allerschlimmste Eingriff in die Grundrechte des deutschen Michels. Und man sich dagegen wehren würde. Protest!!! Aufruhr im Gemüsebeet. Die „Wir sind das Volk!“ - Krakeeler waren wieder da und riefen zum zivilen Ungehorsam auf. Manchmal war ich mir wirklich nicht sicher, ob ich eigentlich zu diesem Volk gehören wollte. Aber doch, wollte ich, denn die meisten Menschen waren ja ganz vernünftig.

Maskenpflicht. Unzumutbar? Wirklich? Hatte sich mal jemand darüber Gedanken gemacht, wie es wohl für Menschen im Krankenhaus war, acht und mehr Stunden am Tag eine FFP-Maske zu tragen? Tragen zu müssen? Auch ohne Corona! Oder für Lackierer?

War das wirklich unzumutbar oder gar ein Eingriff in die Grundrechte? Ich fand das nicht. Ich verstand das ganze Gejammere der Physiotherapeuten, sie könnten so nicht arbeiten, nicht. Nicht wirklich. Andere Berufsgruppen arbeiteten immer so. Ich hielt es da mit SEEED, meiner absoluten Lieblingsband. Die sangen schon 2003 in ihrem Song „Respectness“: „You show respect and I respect you, you protect me, I protect you!“. So what? War doch eigentlich ganz einfach. Fand ich.

Und ich fragte mich, ob all diese Verstrahlten sich bei einem nicht vorhandenen Sonnenbrand, den sie mittels Sonnencreme verhinderten, auch bei den Sonnencremeherstellern darüber beschwerten, dass sie nun keinen Sonnenbrand erlitten, weil sie sich eingecremt hatten. Prävention war offensichtlich nur sehr schwer zu verstehen.

Bei der Maskenpflicht machte ich mir nun wirklich die wenigsten Sorgen um meine Grundrechte.

Da es ja kaum Masken zu verträglichen und angemessenen Preisen zu kaufen gab, nähten immer mehr Menschen ihren Mund-Nase-Schutz kurzerhand selbst. Die Initiative der fleißigen Landfrauen hatte allmählich Schule gemacht.

Auch Diane hatte ihre olle Nähmaschine rausgeholt, entstaubt, geputzt und frisch geölt. Sie wollte jetzt auch in die Maskenproduktion einsteigen. Wenn auch nur für uns und unsere besten Freunde. Denn eigentlich hasste sie Handarbeit. Ich wusste auch gar nicht, dass sie so etwas konnte. Geschweige denn, dass sie eine eigene Nähmaschine besaß. Nach siebenundzwanzig Jahren erfährt man das so nebenbei und ich lernte eine ganz neue Seite an ihr kennen. Sachen gibt’s.

Was brauchte sie? Hmmm. Stoff, das war klar. Stoff sollte wohl kein Problem sein, dachte sie. Nebenan war ja die Patchwork-Diele von Anke Kleuker. Also mal eben schnell rüber und nach schönen Stoffen stöbern, denn unsere Bettlaken wollte sie nun auch nicht zerschnippeln. Außerdem war weiß auch viel zu langweilig. Fand sie. Ich auch. Von wegen mal schnell. Denn offensichtlich hatte nicht nur sie die Idee, jetzt eigenhändig für ausreichend Abdeckungen zu sorgen.

Natürlich hielten sich auch in Ankes Laden alle an die Spielregeln. Es durften immer nur drei Leute gleichzeitig hinein. Und so standen die Kundinnen in einer langen Schlange – immer zwei Meter Abstand – über den ganzen großen Hof verteilt. Diane drehte auf der Stelle um und entschied sich, es nach der Mittagspause noch einmal zu versuchen. Und richtig. Nach der Mittagspause war sie als Erste da und suchte sich ein paar wunderschöne Stoffe aus. Kariert, getupft und ein Stück schwarzen Stoffes, aus dem sie für mich ein paar Masken für Trauerfeiern machen wollte.

Was brauchte sie noch? Gummikordel. Dieses breite Gummiband ans meinen ollen Unterhosen wollten wir auch nicht. Aber, Jesses, Gummikordel gab es nirgendwo mehr. Nicht im örtlichen Stoffladen, nicht bei REWE, nicht im Ein-Euro-Shop. Wenn man im Internet bestellen wollte, hieß es, Lieferzeit zwei bis drei Wochen. Na prima! Zum Glück fanden wir nach einigem Suchen noch ein paar Meter der benötigten Kordel in einer Kramschublade. Kramschubladen erwiesen sich in meinem Leben schon oft als Glücksfall. Einmal habe ich wochenlang nach… Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

(Ich muss aufpassen, mich nicht immer zu verfaseln…)

Fehlten noch die Nasenbügel. Die Dinger, die dafür sorgten dass die Maske auch ordentlich sitzt. Ein normaler Draht war nicht geeignet, wie wir feststellten. Der drehte sich immer in der Lasche und funktionierte einfach nicht.

Aber ich hatte eine Idee.

Die Metall-Clips aus normalen Büro-Schnellheftern, mit denen man einfach Papiere zusammenhielt, schienen optimal. Richtig in der Länge, richtig in der Elastizität, einfach zu handhaben.

Ich kaufte ein paar Päckchen davon, riss sie auseinander, dengelte sie auf dem Amboss plan und es war genau richtig.

Ich war MacGyver. Echt jetzt. Ich freute mich wie Bolle.

Ich – MacGyver. Toll.

22.1

22.1? Ja, 22.1. Denn ich bin mit dem Maskenthema noch nicht ganz durch. Ich hatte nur gestern keine Lust mehr. Es ist aber auch stressig… meine Herren! Und meine Damen natürlich auch.

Diane nähte also munter drauf los. Die ersten Masken waren noch so ein wenig…, naja, sagen wir mal von der Marke „Knüddel-Design“, aber mit der Zeit wurde es immer besser. Nach einer Weile hatte sie den Bogen raus und dann flutschte es richtig. Eine Maske nach der anderen, eine hübscher als die andere. Ich war begeistert. Aus meinem geliebten themenwerk.MENSCH wurde auf einmal themenwerk.MASKE. Auch nicht schlecht. Man muss nur die richtige Mitarbeiterin haben, dachte ich mir und war doch heilfroh, sie nicht in Kurzarbeit geschickt zu haben. Wir würden die Masken zwar nur für uns nutzen und an unsere Kinder und unsere engsten Freunde verteilen, aber immerhin. Besser als nix. In die Großserienproduktion wollten wir allerdings nicht einsteigen. Diane hasste Handarbeit und die Materialbeschaffung war eben auch nicht ganz einfach.

Das erzählte mir auch unsere Freundin Doris aus Paderborn, die mit ihrer Kunst- und Maschinenstickerei nun auch im großen Stil Mund-Nase-Schutzmasken produzierte. So richtig professionell. Für Firmen, Cafés und so weiter. Alle in verschiedenen Designs. Zu viert arbeiten sie da Tag und Nacht an den Nähmaschinen. Uns hatte sie ja diese zwei Superhelden-Masken geschenkt. Und obendrein noch zwei Rollen Klopapier. Ihr erinnert euch.

Aber Doris sagte mir eben auch, dass es wahnsinnig schwer wäre, überhaupt noch an Stoff, Gummikordeln oder Nasenbügel zu kommen. Ihre Auftragsbücher waren randvoll, das Materiallager aber weitgehend leer. Es war wie nach dem Krieg, sagte sie. Nix zu bekommen. Gar nix. Ihr Mann Gerd, der zum Glück schon im Ruhestand war, düste den ganzen lieben langen Tag mit dem Auto durch die Gegend und telefonierte mit Gott und der Welt, um irgendwie und irgendwo das heißbegehrte Material zu beschaffen.

Gott konnte ihm leider gar nicht helfen. Er war einfach nicht erreichbar. Zumindest nicht für Gerd. Naja.

Als ich am Samstag vor der Einführung der Maskenpflicht einkaufen war, trugen schätzungsweise ein Viertel aller Leute im Supermarkt eine Maske. Und gut 90 Prozent trugen eine selbstgebastelte Schutzmaske. Sah echt lustig aus. Aber nur die Kund*innen. Die Verkäufer*innen und die Kassierer*innen trugen keine.

Ich war sehr gespannt, wie es wohl ab Montag sein würde.

23.

Privat bekam ich irgendwie auf einmal seltsamerweise das Gefühl, dass Hiob sich klammheimlich wieder in unser Leben schleichen wollte. Oder schon geschlichen hatte, ohne dass ich es rechtzeitig bemerkte. Dabei dachte ich, dass er uns doch nun wirklich schon genug gequält hätte. Ich hatte so inständig gehofft hatte, dass er sich für immer verpisst hätte. Aber in der vergangenen Woche prasselten urplötzlich reihenweise Botschaften von diesem Hiob, der mir so verhasst war, auf uns nieder.

(Wahrscheinlich versteht das nur, wer mein Buch „Einstein, Gott und meine Brüder – Biografie eines verwirrten Daseins oder wie ein Hintern mir die Welt erklärte“ gelesen hat.)

Wenn ich ehrlich bin, ging das schon Anfang des Jahres an, als wir merkten, dass das mit dem Verkauf unseres Hauses in die Grütze gehen würde. Obwohl schon notariell alles unter Dach und Fach war, hatten wir kein gutes Gefühl. Irgendwie lief alles zu glatt. Aber wer sorgt sich schon ernsthaft, nur weil etwas glatt läuft. Da müsste ich ja schon beim Spiegeleierbraten misstrauisch werden. Also beruhigte ich mich immer wieder gleich. Ich versuchte es zumindest.

Wir hatten bereits angefangen, unser neues Haus zu bauen, wir hatten uns finanziell gebunden und freuten uns. Und dann kam der Zahltag. Aber kein Geld. Wir setzten eine neue Frist, die „Käuferinnen“ versicherten uns an Eidesstatt, dass das Geld unterwegs sei, sie hatten schon Sachen bei uns untergestellt, Handwerker und Möbel bestellt. Echt jetzt. Aber es kam und kam kein Geld.

Unser Notar setzte noch mal eine Frist, die Damen versicherten abermals, dass das Geld kommen würde, aber es kam nix.
Lange Rede, kurzer Sinn: Es stellte sich heraus, dass sie das schon öfter mal gemacht hatten. Dass das Auto, mit dem die beiden Schnepfen durch die Gegend fuhren, überhaupt nicht zugelassen war, dass die Meldeadresse, die auf ihren Ausweisen stand, gefakt war und vieles mehr.

Wir waren echten Betrügerinnen aufgesessen und erstatteten Anzeige. Wir waren nicht die Ersten und Einzigen. Welchen Nutzen sie davon hatten, erschloss sich uns nicht. Überhaupt nicht. Sie hatten nix davon. Nur wir hatten Schaden. Aber vielleicht reichte ihnen das ja schon.

Ich hätte misstrauisch werden müssen, als ich auf Facebook sah, wie fromm die beiden unterwegs waren. Lauter Heiligenbilder auf deren Profil, fromme Sprüche und Gebete. Ich hätte misstrauisch werden müssen. Hiob kam mir damals auch kurz in den Sinn, aber ich schlug mir diesen Gedanken schnell aus dem Kopf. War ja ein doofer Gedanke. Ich Depp.

Für uns war das ein finanzielles Drama, denn wir blieben nicht nur auf den Notarkosten hängen, da hing noch viel mehr dran. Eine Katastrophe. Aber da blieb ich noch ganz gelassen. Würden wir das Haus eben noch mal verkaufen.

Dann kam Corona und ich konnte kaum noch arbeiten. Aber der Notar und das Grundbuchamt auch nicht. War klar. Also bekamen wir unser Grundbuch, in dem ja schon eine Auflassungsvormerkung vermerkt war, nicht wieder sauber. Und so lange das Grundbuch nicht wieder bereinigt war, konnten wir einen Verkaufsversuch völlig vergessen. Abgesehen davon, dass in dieser Zeit niemand ein Haus kaufen würde.

Es drohte also ein weiteres finanzielles Desaster. Toll. Aber, naja, dachte ich, das stehen wir schon durch. Irgendwie. Aber beides zusammen war schon bitter. Und wenn wir denn am Ende doch pleitegehen sollten,… Pech gehabt. Ging in dieser Zeit ja vielen so, ohne dass sie irgendetwas dafür konnten.

Wir ließen uns dennoch die gute Laune nicht verhageln. Warum auch? Nützte uns ohnehin nix! Also gaben wir uns dem Vertrauen darauf hin, dass am Ende alles irgendwann und irgendwie auch wieder gut werden würde – und wenn nicht, dann wäre es eben noch nicht das Ende -, wir genossen die Entschleunigung und hatten trotz allem eine gute Zeit. Aber das wisst ihr ja.

Doch irgendwie drehte Hiob plötzlich voll auf. Der Arsch.

Vor zehn Tagen starb Dianes Onkel. Ganz plötzlich. Hatte sich irgendwie und irgendwo eine Sepsis zugelegt. Und dann ging alles ganz schnell. Mittwoch ins Krankenhaus, totaler Organausfall und schon Freitagmorgen wurden die Maschinen abgestellt. Keine Chance mehr. Wir waren völlig entsetzt. Und mit seiner Tochter tieftraurig. Wir standen ihr so gut bei, wie es unter den Umständen, die durch die Corona-Krisen gegeben waren, eben ging.

Und nur zwei Tage später erfuhren wir - mit ins Mark gehender Erschütterung -, dass der Professor und Chefarzt des Klinikums Wolfsburg, der Diane nun seit 10 Jahren in ihrer Krankheit so wunderbar begleitet hatte, sie x-mal operiert hatte, der nie den Mut für meine Süße sinken ließ und ganz einfach ein ganz wunderbarer Arzt und Mensch war, selbst binnen kürzester Zeit an einer Krebserkrankung im Alter von nur 62 Jahren gestorben war. Wir waren völlig fassungslos, denn noch im November, als Diane zur letzten Kontrolle bei ihm war, war nichts davon zu merken.

Nicht nur, dass wir es für unsagbar ungerecht hielten, dass dieser großartige Operateur, dieser brillante Diagnostiker und höchst empathische Menschenfreund, der so unendlich viele Frauen von ihrer Krebserkrankung heilte, nun selbst an dieser Scheißkrankheit starb. Nein, Diane verlor „ihren“ Arzt, dem sie fast blind vertraute. Weil er sich dieses Vertrauen erarbeitet hat. Mit unglaublichem Einfühlungsvermögen, mit weitsichtigster Vorsicht und einer Zugewandtheit, die ihresgleichen suchen musste. Es war nun völlig offen, wie es für sie weitergehen würde. Das würden wir nun sehen müssen.

Diane brauchte einige Tage, um diese weitere Hiobsbotschaft überhaupt zu verdauen.

Aber das war noch nicht alles. Gleichzeitig wurden wir darüber informiert, dass eine Freundin, die in Tschechien lebte und ebenfalls an Krebs erkrankt war, von Prag aus in die MHH verlegt wurde und um ihr Leben kämpfte. Und wie es schien, würde sie diesen Kampf binnen kürzester Zeit wohl verlieren. Ihr Mann, Tscheche, durfte immer nur 24 Stunden einreisen und musste das Land wieder verlassen, weil er bei längerem Aufenthalt sowohl hier für vierzehn Tage in Quarantäne und dann, bei seiner Rückkehr, die gleiche Zeit noch einmal in Tschechien in Isolation verbringen musste. Es war zum Weinen. Wir konnten wegen des Besuchsverbotes in Kliniken auch nicht helfen. Wir waren zutiefst frustriert.

Inzwischen war ich sicher. Hiob was back.

Ich wusste nicht, ob ich nicht richtig aufgepasst hatte, ob ich einfach unvorsichtig wurde, weil es uns in der letzten Zeit so gut – vielleicht zu gut - ging und ich die Gefahr, die Hiob für uns immer darstellte, einfach unterschätzte. Keine Ahnung.

Und jetzt schien für uns eben Zahltag zu sein.

Aber eines sollte dieser Hiob wissen: Ich würde mich wehren. So leicht würde er mich und uns nicht wieder drankriegen.

Diesmal würde ich mich früher wehren.

Nach Kräften.

Versprochen.

24.

Ich war am Montag, an dem die Maskenpflicht in Kraft trat, nicht einkaufen. Das hatte keinen tiefergehenden Grund. Wir brauchten einfach nix. Und wir vermieden es strikt, uns nicht ohne triftigen Grund unter Leute zu begeben. Wozu auch? Wir hatten ja uns. Das war mehr, als die meisten sich wünschen konnten. Wir blieben zuhause.

Allerdings machten wir eine kleine Cabrio-Tour in der Mittagszeit. Und später habe ich mich noch mal für eine kleine Runde aufs Motorrad gesetzt.

Aber sonst isolierten wir uns, wie wir es die meiste Zeit taten. Wir hatten ja auch mit Hiob zu kämpfen und damit eigentlich auch genug zu tun. Daher konnte ich nicht sagen, wie es lief. Ob sich die Menschen an die Maskenpflicht hielten oder nicht. Keine Ahnung. Mir fiel allerdings während unserer kurzen Touren in völliger Ein- oder Zweisamkeit auf, dass einige Menschen allein in ihren Autos saßen und eine Maske trugen. ???. Ich fragte mich, ob sie auch ein Kondom aufhatten, wenn sie allein im Bett lagen. Naja. War nicht mein Problem.

Ich hasste Kondome sowieso. Schon immer. Ich habe auch noch nie eines benutzt. Echt nicht. Mein ganzes Leben nicht. Nicht, weil ich keinen Sex gehabt hätte oder unverantwortlich mit meiner Sexualität, mit meiner Gesundheit oder der meiner Partnerinnen umgegangen wäre, nein, ich brauchte so einen Gummischutz einfach nie. Als ich anfing, Sex zu haben, da hätte man die Lümmeltüte nur zur Verhütung gebraucht. Da meine Mädels aber immer selbst die Pille nahmen, fiel das für mich weg. Super.

AIDS gab es noch nicht. Auch kein Thema. Und einen kleinen Tripper ab und an konnte man ja schon mal in Kauf nehmen. Es gab ja Antibiotika. Auch kein Problem.

Als die Infizierung mit dem HIV-Virus dann aber doch ein Thema war, lebte ich schon in festen Beziehungen. Ohne wechselnde Sexualpartnerinnen. Und als ich verheiratet war, brauchte ich auch keine Kondome, weil wir Kinder wollten. Alles prima. Ich bin tatsächlich mein Leben lang um diese Dinger herumgekommen. Was für ein Glück.

Hat jetzt eigentlich nix mit Corona zu tun. Könnte man meinen.

Ich wollte ja auch nicht immer so abschweifen.

Aber wenn ich damals, zur Zeit der Corona-Krise, mit der Benutzung eines Kondoms zur Verhinderung der Ausbreitung dieses Virus hätte beitragen können, dann hätte ich selbstverständlich eines benutzt. Ich hätte ja nicht auf Sex verzichten wollen. Bin ja nicht blöd. Jedenfalls nicht so blöd.

Leider schützen Kondome nicht vor COVID-19. Leider nicht. Und zum Glück. Zu meinem Glück. Beides.

Aber die Latex-Schläuche halfen ja auch nicht zu Hundert Prozent gegen ungewollten Nachwuchs. Trotzdem wurden Sie millionenfach verkauft und benutzt. Und niemand beklagte sich darüber. Denn sie schützten zumindest die Sexualpartner*innen weitgehend vor einer Infektion mit Tripper oder schlimmeren Erkrankungen. Und jetzt hat es eben doch mit Corona zu tun.

(Man muss nmanchmal um die Ecke denken!)

Die Masken sollten vor allen Dingen unsere Mitmenschen vor einer, vielleicht von uns selbst unbemerkten, ungewollten Infektion schützen. Natürlich war das nicht hundertprozentig sicher. Wie auch? Das waren Kondome ja auch nicht.

Aber je nach Qualität der Masken war der Schutz eben doch relativ gut.

FFP-Masken schützten natürlich am besten, keine Frage. OP-Masken oder selbstgenähte Mund-Nasen-Schütze nicht so richtig gut. Aber sie waren besser als nix. Die Pille schützte auch besser vor einer Schwangerschaft als ein Kondom. Aber auch nicht absolut. Am sichersten war es, gar keinen Sex zu haben, wenn man nicht ungewollt schwanger werden wollte. Oder sich keine juckende Geschlechtskrankheit einfangen wollte. Oder sie keinem anderen anhängen wollte, wenn am eigenen Mast die Matrosen schon fröhlich winkten.

Am sichersten war es, mit seinem Hintern einfach zuhause zu bleiben, wenn man sich selbst oder andere nicht mit dem Coronavirus anstecken wollte. Wenn man aber – bei der Arbeit, beim Einkaufen oder wo auch immer – Kontakt zu anderen Menschen haben wollte, und ich wollte das, dann war das Tragen von – von mir aus auch selbstgebastelten - Masken der einfachste und sicherste Schutz. Wenn man denn darüber hinaus einen ausreichenden Abstand hielt.

Für mich war das schlicht eine Frage der Solidarität.

Die Stimmung im Land drohte an dieser Frage zu kippen. Was da im Netz und den Medien zu lesen und zu hören war, war unglaublich. Ich konnte ja verstehen, dass die Menschen sich nach einer Rückkehr zur Normalität sehnten. Das tat ich ja auch. Nichts wünschte ich mir sehnlicher, als dass wir wieder normal leben könnten. Schon aus wirtschaftlichem Kalkül. Schließlich musste ich ja auch dringend mal wieder ein wenig Geld verdienen. Besser natürlich noch ein wenig mehr als nur ein wenig. Es wurde allmählich etwas eng. Das ging wohl allen so.

Aber ich fürchtete eben auch, dass eine zu frühe und zu lockere Lockerung der einschränkenden Maßnahmen, verheerende Folgen hätte haben können. Ein zweiter Lockdown wäre wahrscheinlich noch viel teurer geworden, als den ersten noch ein wenig beizubehalten. Aber was wusste ich schon? Ich wusste natürlich nix. Wie immer. Ich wusste nie irgendetwas.

Andere wussten da viel mehr. Aber, ob diese Experten es besser wussten mit ihrem „Ich weiß gar nicht mehr, wo ich das gelesen habe-Diplom“ von der „Ich habe das aber irgendwo gelesen-Universität“, wusste ich auch nicht so recht.

Es war verwirrend. Sehr verwirrend.

Was ich wusste, war, dass ich mir demnächst wohl irgendwie einen Job suche musste. Das hörte sich für mich selbst komisch an, weil ich immer dachte, ich hätte einen ordentlichen Beruf. So schief kann man liegen. Verrückt.

Sollte ich in Zukunft vielleicht Amazon-Pakete ausliefern? Solle ich bei REWE oder REAL am Ende Regale einräumen? Sollte ich im schlimmsten Fall vielleicht bei Aldi an der Kasse sitzen? Konnte ich mir im ersten Moment nicht vorstellen.

Aber andererseits machen das ja Zigtausende auch. Auch ohne Krise. Und ich profitierte vor der Krise auch davon. Jeden Tag. War ja mein ganz normaler Alltag. Die Menschen taten einfach ihren Job. Für acht, neun oder auch zwölf Euro die Stunde. War einfach ihr Job. Wie meiner meiner war. Das eine war nicht wertvoller als das andere.

Obwohl… Im Moment war deren Job offensichtlich doch wichtiger als meiner. So sah es jedenfalls aus. Am Ende sind wahrscheinlich fast alle Berufe „systemrelevant“. Wir wussten es nur noch nicht,

Wir sollten es lernen und – wichtiger noch - schätzen lernen.

25.

Ja, es waren verrückte Zeiten. Damals. Ende April. Während in einigen Ländern der Ausbruch der Corona-Infektion erst so richtig zu beginnen schien und erste eindämmende Schritte eingeleitet wurden, konnten in Österreich, in der Schweiz und in vielen anderen Ländern die einschränkenden Maßnahmen langsam gelockert werden. Auch hier schien das Schlimmste vorbei, bzw. gar nicht eingetreten zu sein. Zum Glück.

Aber der Umstand, dass es hier nicht zu dem verheerenden Ausmaß der Pandemie kam, wie die Menschen ins Italien, Spanien und Frankreich, in den USA und Großbritannien das erlitten, führte hierzulande zu ganz sonderbaren Auswüchsen. In den „sozialen“ Netzwerken war der Teufel los.

Die Pandemieleugner auf der einen Seite und die Panikverbreiter auf der anderen Seite warfen sich gegenseitig die krudesten Dinge an den virtuellen Kopf. Wenn es nicht so ernst gewesen wäre, hätte man sich kringelig lachen können. Es war aber leider nicht lustig. Es war sehr ernst. Und weil die Lage so ernst war, war eben auch der Streit so ernst, denn er drohte unser Land weiter zu spalten. Noch weiter, als es ohnehin schon der Fall war.

Die Verharmloser,  Leugner und Skeptiker meinten, die Maßnahmen seien alle – ausnahmslos – völlig überzogen. Es sei doch alles gar nicht so schlimm, wie immer behauptet wurde. Vor allem von den Medien. Also den „Staatsmedien“. Den „Fake-News-Medien.“ Die Krankenhäuser, vor allem die Intensivbetten wären leer. Hieß es. Weil der Massenausbruch ausgeblieben war. Hieß es. Die Todeszahlen lägen weit unter dem, von der WHO und vom RKI heraufbeschworenen Horrorszenario. Hieß es. Corona sei auch nicht schlimmer, wenn überhaupt, als eine ganz normale Grippe, die jedes Jahr deutlich mehr Todesopfer forderte. Hieß es. Alles übertrieben. Hieß es. Alles sofort zurücknehmen und das soziale und wirtschaftliche Leben sofort wieder hochfahren! Forderte man.

Dass der Horror in Deutschland nicht ausgebrochen ist, dass es nicht zu den Bildern kam, wie wir sie aus anderen Ländern sehen mussten, dass nicht so viele Menschen starben wie in Italien oder USA, dass das Gesundheitssystem nicht komplett überfordert war und an die Wand fuhr, dass das alles vielleicht damit zu tun hatte, weil  diese – für alle sehr unangenehmen – Maßnahmen ergriffen wurden, kam ihnen dabei offensichtlich nicht in den Sinn. So was nennt man in Fachkreisen übrigens Präventionsparadox. Gut, das muss man natürlich nicht wissen. Aber ahnen konnte man so etwas schon. Präventionsparadox. Ein irres Phänomen. Man tut etwas, damit etwas anderes nicht eintritt. Und wenn es dann nicht eintritt, dann hat man vergessen, dass das, was man dagegen tat, dass es eintritt, richtig war. Weil ja nix eingetreten ist. Oder nicht so schlimm, wie man es vor dem Ergreifen der Maßnahmen befürchtet hatte. Also werden die Maßnahmen als überflüssig angesehen. Irre. Präventionsparadox! Merken!

Es war nun aber beileibe nicht so, dass die Meinung, es sei alles übertrieben, nun ausschließlich aus dem rechten Lager oder aus dem Lager der Wutbürger kam, die sich in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt fühlten. Was sie ja auch waren. War ja der Sinn der Maßnahmen. Nein, das ging durch alle politischen Lager. Den Vogel schoss für mich Boris Palmer, grüner OB von Tübingen ab. (Ich schreibe das nicht gern, weil ich selbst grüner Stammwähler bin.) Das ging ja nun gar nicht. Er meinte doch ernsthaft, dass wir mit gigantischem Aufwand wahrscheinlich doch nur Menschen über die Zeit gerettet hätten, die ohnehin in den nächsten sechs Monaten gestorben wären. Ich war sprachlos. So ein Depp. Dann müssten wir in Zukunft ja auch keine Unfallopfer oder am Herzinfarkt Erkrankte mehr retten. Könnte ja sein, dass sie drei Monate nach ihrer Rettung überfahren würden. Oder erschossen. Oder am Ende noch Krebs bekommen würden. Was war das denn für ein Scheiß!? Aber Herr Palmer war ja nun nicht zum ersten Mal durch merkwürdige Aussagen aufgefallen. Manchmal war ich auch kein richtiger Grüner. Aber das ging vielen Grünen so.

Aber nicht nur die Verharmloser, Leugner und Skeptiker forderten einen sofortigen Rückkehr zur Normalität. Was immer das sein sollte, wie immer die aussehen sollte. Zur „Normalität“ komme ich später noch. Versprochen.

Da waren auch noch die ganzen Verstrahlten, die Verschwörungstheoretiker, Reichsbürger und sonstige Zeitgenossen, die ganz offensichtlich völlig verpeilt waren. Die machten ja nun für die ganze Pandemie irgendwelche obskuren Mächte verantwortlich. Aber darüber habe ich ja schon berichtet. Aber alle waren sich darin einig, dass die von der Regierung verhängten Maßnahmen, unter denen auch ich frag- und klaglos litt, entweder dem Ziel der Beendigung der Meinungsfreiheit, der Umvolkung, dem Beschneiden der Grundrechte oder der Durchführung  irgendwelcher geheimer Missionen diente, von denen die Bevölkerung auf gar keinen Fall etwas erfahren durfte, weil sie sonst auf die Straße gegangen wäre und sich lautstark gewehrt hätte. Ich muss hier auf diese ganzen Verschwörungstheorien, Umvolkungsfantasien und dieses ganze parapsychologische Geschwurbel gar nicht mehr weiter eingehen. Habe ich vorher schon irgendwo gemacht.

Auch hier gab es einen sehr prominenten Vorreiter, den ich vormals sehr geschätzt hatte. Xavier Naidoo. Die Soulstimme Deutschlands. Aber in den letzten Jahren hatte er sich selbst immer weiter ins Aus geschossen. Für ihn waren die weltweiten Maßnahmen nur ein nie da gewesenes Ablenkungsmanöver, um missbrauchte und gefangen gehaltene Kinder aus den Fängen finsterer Mächte zu befreien. Ich war zwar auch der Meinung, dass missbrauchte Kinder immer in den Fängen finsterer Mächte waren und befreit werden mussten. Aber… Naja.

Ich fragte mich in diesen Tagen oft, wie beschissen und dilettantisch diese ganzen weltweiten Verschwörungen und Ablenkungsmanöver eigentlich vorbereitet und organisiert waren, wenn jeder Depp sie mittels Facebook und „FreieMedien“ aufdecken konnte. Manchmal konnte ich gar nicht so viel trinken, wie ich betrunken sein wollte, um das alles auszuhalten.

Fakt für mich war: In der Umsetzung der Maßnahmen ließen Bund und Länder zu Wünschen übrig. Sowohl bei den Staatshilfen als auch bei der Daseinsvorsorge. Das lief nicht so rund, wie Mutti, Scholz, Weil und Co. es versprochen hatten. Ehrlich. Ich hätte mir gewünscht, dass mehr medizinische Masken zur Verfügung gestanden hätten. Zum Beispiel. Aber die gab es nicht. Und, das stimmte wohl auch. Es gab sie einfach nicht. Weltweit nicht.

Mein Bruder Lülle war nämlich in diesem Geschäft tätig. Er handelt mit Medizin- und Hygieneprodukten, Er sagt, er hätte Millionen umsetzen können, wenn es denn nur irgendwo auf dieser Welt Schutzmasken, Kittel oder Handschuhe zu beschaffen gäbe, die er seinen Kund*innen anbieten und verkaufen hätte können. Aber es gab nix. Und das, was angeboten wurde, war oft einfach Murks. Das Material taugte einfach nichts. Zumindest nicht mehr als die selbstgenähten Masken, die man jetzt allerorten sah. Aber die waren wenigstens oft viel hübscher. Ist doch auch etwas?

Fazit: Ich hielt die Maßnahmen, eingedenk des Präventionsparadoxes, nach wie vor für richtig. Sie bewahrten uns wahrscheinlich – aber so genau wusste ich das auch nicht, ich wusste nur, dass ich mir italienische Verhältnisse nicht wünschen oder vorstellen konnte – vor einer viel größeren Katastrophe.

Aber das ist eben das Dilemma. Dass man zwischen Alternativen wählen muss, die man beide nicht gut findet. Nicht gut finden kann. Sonst wäre es ja kein Dilemma. Ich fand, unsere Regierung, der Großteil unserer Bevölkerung, so viele haben sich richtig entschieden.

Lockerungen so schnell wie möglich und so vorsichtig wie nötig.

26.

Diejenigen, die nach einer unbedingten Verlängerung und, wenn möglich, sogar noch nach einer Verschärfung der Maßnahmen riefen, waren auch nicht besser als die ganzen Leugner und Aluhüte. Das war eben einfach nur das andere Extrem. Alles dicht machen und lassen, bis das Virus mangels Angriffsfläche einfach keinen Bock mehr hätte und quasi im menschenleeren Raum verhungerte, war auch keine wirkliche Alternative. Das mochte zwar aus epidemiologischer Sicht richtig gewesen sein, aber es gab eben noch so viele andere Blickwinkel, die man einnehmen musste, um einen vernünftigen Umgang mit dieser Krise zu finden.

Denn das Ganze hatte ja auch soziale Folgen, wirtschaftliche Konsequenzen und so weiter und so fort. Das schrieb ich ja schon. Und das durfte man eben auch nicht außer Acht lassen. Den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, war auch nicht so schlau. Balance war gefragt. Das richtige Augenmaß. Aber das war eben auch nicht so leicht, denn es hatte ja niemand bisher so etwas erlebt. Es gab keine Blaupause für dieses Geschehen. Es galt: learning by doing. Etwas Anderes blieb uns in dieser Situation wohl nicht.

Dass die Regierenden dabei nicht immer eine gute Figur abgaben, war irgendwie klar. Wie denn auch? Sie steckten ja in diesem Dilemma. Ich hätte da auch keine gute Figur gemacht. Wie denn auch? Was war richtig? Was wahrscheinlich falsch? Was könnte helfen, was würde vielleicht noch größeren Schaden anrichten? Wo abbiegen? Mit oder ohne zu blinken? Vollbremsung oder Vollgas? Konnte überhaupt jemand die Karte lesen? Gab es überhaupt eine? Und wenn, hielt man sie auch richtig rum? War oben wirklich Norden oder vielleicht doch nicht? Und wollte man denn im Moment nach Norden? Oder war es im Osten vielleicht besser? Oder im Süden oder Westen? Vielleicht lag das Heil aber in der Mitte. Wer wusste denn wirklich etwas? Außer die ganzen Verschwörungstheoretiker und Vollverstrahlten. Die wussten es natürlich alle. Und sie wussten alles. Schon immer. (Seit Wochen gab es nun schon keine Kondensstreifen mehr am Himmel. Und damit ja auch nicht mehr die gefürchteten Chemtrails, die die Aluhüte darin sahen. Da hätten die Symptome bei denen doch allmählich mal nachlassen müssen. Dachte ich. Nur für mich so. Darum steht dieser Satz hier auch in Klammern. Den müsst ihr nicht mitlesen.)

Ich hielt es da lieber  mit einer Textzeile aus dem Song „Konfusion“ von Stefan Stoppock, dem Bollerbarden aus dem Ruhrpott: „Die einen sagen so, die anderen sagen so…, die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte irgendwo!“ Recht hatte er. Jetzt müsste man nur noch wissen, wo diese Mitte lag. Irgendwo. Ja. Das war eben das Problem. Ich wusste auch nicht, wo.

Darum fand ich es ja auch völlig richtig, dass darüber intensiv diskutiert wurde. Öffentlich. Demokratie lebt vom öffentlichen Diskurs. Es ist überlebenswichtig für eine funktionierende Demokratie, dass man um die besten Lösungen ringt. Aber Diskurs ist eben nicht gleich Streit. Und schon gar nicht Verleumdung, Beleidigung oder Hetze. Und alternativlos ist in einer Demokratie schon mal gleich gar nix. Auch der Lockdown war nicht alternativlos. Siehe Schweden. Da starben die Leute auch ohne, dass alles dicht gemacht wurde, fröhlich vor sich hin. Welcher Weg sich als der bessere herausstellen würde, das konnte dieser Tage niemand sagen. Niemand. Zumindest niemand, der sich ernsthaft und vor allem gewissenhaft damit beschäftigte, und dann seine oder ihre Überlegungen in den Diskurs einbrachte.

Da aber die Stimmung im Land zu kippen drohte und die Hetzer und Aufpeitscher immer lauter wurden, ließen sich – zumindest war das mein persönlicher Eindruck – manche Regierende von eben diesen und auch anderen Krakeelern regelrecht vor sich hertreiben. Diese Krakeeler kamen indes aus allen politischen Lagern, von allen möglichen Verbänden, Institutionen und Interessengemeinschaften. Und aus der Angst vor der Wirtschaft, vor dem Volk, vor den eigenen Hetzern und Aufwieglern, den Zurückgebliebenen, den ewig zu kurz Gekommenen, den Wut- und Hutbürgern von links und rechts außen, aus lauter Angst um das eigene politische Überleben wurden Beschlüsse, die von den Ländern auf Bundesebene in endlosen Videokonferenzen gefasst wurden, binnen kürzester Zeit wieder einkassiert, uminterpretiert, verschärft oder gelockert. Je nachdem, in welchem Land welche Lobby, welcher Schreihals, Besserwisser und wer auch immer besonders laut war. Es war wie auf einem Kindergeburtstag. Wer am lautesten schrie, bekam das größte Stück Kuchen. Glaubten sie. Aber es war kein Kindergeburtstag. Es war nicht lustig. Naja.

Da die Infektionslage in Bayern nun mal eine ganz andere war als es in Mecklenburg-Vorpommern oder in Thüringen etwa der Fall war, fand ich es grundsätzlich auch gar nicht verkehrt, dass die Maßnahmen den jeweiligen Verhältnissen in den verschiedenen Ländern und Regionen angepasst wurden. Das ist ja auch die Stärke des Föderalismus. Dass das von vielen Bürger*innen von der „Wir sind das Volk!“-Fraktion nur schwer nachvollzogen werden konnte, war verständlich. Sie hatten ja auch unser politisches System nicht verstanden. Oder wollten es nicht verstehen. Oder wollten es irgendwie verändern. Was genauso dumm war. Demokratie ist eben auch kein Kindergeburtstag. Zum Glück.

Bei uns im Land verstanden auch vor der Krise so viele so vieles nicht. Auch nicht, wenn man es ihnen erklärte. Auch nicht beim zweiten oder dritten Mal. Bild-Zeitung und Bildung waren eben doch nicht das gleiche. Und dasselbe schon mal gar nicht. Aber wem sag ich das?! Ja, wir hatten neben der Corona-Krise auch noch eine Bildungskrise. Die hatten wir auch schon davor. Und der lange Schulausfall würde das vermutlich nicht besser machen. Die Krise in unserem Bildungssystem und der Zustand der allgemeingesellschaftlichen Bildung trat in dieser Zeit nur leider völlig in den Hintergrund. Wie alle anderen Krisen, die sich ums Klima, um Flüchtende in aller Welt, um Hunger und soziale Ungerechtigkeit oder worum auch immer drehten, auch. Leider. Daran versündigten wir uns in dieser Zeit ganz furchtbar. Alle.

Dann durfte man aber auch nicht vergessen, dass Demokratie immer etwas Prozessuales und nichts Statisches ist. Es gab keine Entscheidungen für die Ewigkeit. Außer die kaiserliche Sektsteuer zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsmarine natürlich. Die galt und gilt für immer und ewig. Aber sonst? Entscheidungen mussten immer wieder überprüft, neu bewertet und im Zweifelsfall revidiert oder erneuert werden. Mit gleichen oder auch wechselnden Mehrheiten. Das ist doch Sinn und Zweck des Ganzen. Dachte ich.

Wenn die Regierenden nun Mitte/Ende April beschlossen hatten, dass man am 4. oder 6. Mai, wenn man vielleicht ganz vage absehen können würde, wie die Lage sich durch die ersten Lockerungen entwickeln würde, die Situation neu beraten und bewerten werde, dann machte es keinen Sinn, jeden Tag aufs Neue aus allen Rohren nach weiteren Lockerungen zu schreien. Ich fand diese Entscheidung, bis dahin erstmal die Füße stillzuhalten, richtig, denn wir brauchten die Zeit, um uns ein neues Bild machen zu können. Um dann entsprechend weitere Entscheidungen zu treffen. Evidenzbasiert. Und eben nicht interessengeleitet. Interessen hatten alle. Verständlich. Es hatten ja auch alle Existenzängste. Und das vollkommen zu Recht. Es war ja auch eine furchtbare Situation.

Allerdings konnte ich mich zuweilen auch des Eindrucks nicht so recht erwehren, dass die Regierenden, die Laschets, Söders und wie sie alle hießen, sich in ihren Entscheidungen eben nicht immer nur von der jeweiligen Infektionslage leiten ließen, nicht nur davon, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den abzuwägenden Risiken und Gefahren zu finden, sondern auch davon, wer wo am lautesten seine Interessen durchsetzen wollte.

Demokratie muss man auch aushalten können. Als Regierende genauso wie als Regierte. Auch, wenn es schwierig ist. Auch wenn einige schreien „wir sind das Volk!“. Auch, wenn die eigene Karriere davon abhängt. Gerade dann. Als Demokrat braucht man Eier. Gerade in dieser Zeit. Was Demokratinnen bräuchten, wusste ich allerdings nicht.

Ich fand den Weg, Lockerungen so schnell wie möglich und so vorsichtig wie nötig zuzulassen, angemessen und richtig (siehe oben). Das Eine tun und das Andere nicht lassen (siehe ganz weit oben. Irgendwo.)

Extreme halfen uns da nicht weiter. Nicht die Bohne. Extreme waren mir sowieso schon immer zuwider. Egal, welcher Ausrichtung. Wobei…, zwei extreme Standpunkte erlaubte ich mir allerdings selbst dann doch: Der eine Extremstandpunkt betraf Dianes Möhrensalat. Den fand ich extrem lecker. Da brauchte mir auch niemand mit Kartoffel- oder Nudelsalat zu kommen. Nix da. Da saß ich ganz fest in meiner Salatblase. Unbeirrbar. Da war ich völlig beratungsresistent und auch -unwillig. Der andere betraf Extremisten. Die fand ich extrem scheiße. Alle. Ausnahmslos. Die waren mir unheimlich, denn sie hatten immer nur den Blick auf sich selbst. Die guckten nicht nach rechts oder links, nicht nach oben oder unten. Nur auf sich selbst. Die verweigerten nämlich den politischen Diskurs. Die redeten nur und hörten nicht zu. Niemandem. Außer sich selbst. Und darum konnten Extremisten für mich auch niemals Demokraten sein. (Siehe oben… Diskurs und so.)

Und aus diesem Grund war der Lockdown für mich auch nicht extrem. Nur hart. Sehr hart. Aber nicht extrem. Und schon gar nicht das geheime Werk von irgendwelchen Umvolkungs- Grundrechtsbeschneidungs-, Klopapier- oder Weltherrschafts-Extremisten, wie einige Aluhüte herumschwurbelten. Denn das weitgehende Runterfahren des sozialen und wirtschaftlichen Lebens wurde nicht von einer einzelnen Person oder Interessengruppe verhängt, sondern in einem langen, öffentlichen und schwierigen Diskurs beschlossen. Man konnte die Einschränkungen für hart, für falsch, für überzogen halten. Aber nicht für extrem.

Ja, Extreme und vor allem Extremisten  fand ich extrem blöd. Und kurzsichtig. Und daher lagen sie meiner Meinung nach auch immer und mit allem völlig falsch.

Vor allem verstand ich gar nicht, warum all die Leugner, die Verharmloser, die Verschwörungstheoretiker, Reichsbürger und Aluhüte unbedingt zur „Normalität“ zurückkehren wollten. Die hatten sie doch vor der Krise schon massiv bekämpft. Diese „Normalität“ wollten die doch gar nicht. Und das gleiche galt für die Extremisten der anderen Fraktion. Was wollten die denn in dieser gewohnten „Normalität“. Den Kampf dagegen fortsetzen? Es war schon ziemlich verwirrend.

Ich dachte dieser Tage viel darüber nach, ob ich denn eigentlich die „Normalität“, wie sie vor der Corona-Krise unser Leben bestimmte, wiederhaben wollte.

Wollte ich das? 

Wollte ich das wirklich?

27.

Ein untrügliches Merkmal unserer gewohnten Normalität vor Corona war ja die Hektik. Alles ging nicht schnell genug, überall drängelte man sich vor und schlängelte sich durch. Keine Zeit, keine Zeit! Wir jagten durch unsere Tage, wir machten „hinne“, schneller und schneller, beeilten uns von morgens bis abends, wir rannten und rasten, flitzten von einem Termin zum anderen, sogar an Weihnachten hetzten wir von einer Besinnung zur nächsten. Bis zur völligen Besinnungslosigkeit. Zum Warten war die Zeit ohnehin viel zu kostbar. Wir wurden ja schon ungeduldig, wenn vor uns an der Supermarktkasse ein Rentner sein Portemonnaie erst dann aus der Jackentasche kramte, wenn er seinen Einkauf in Körbchen seines Rollators verstaut hatte. „Mach hinne, Opa!“, dachte man ungeduldig.

Das war jetzt irgendwie ganz anders. Das war für mich eine der schönsten Veränderungen, die in dieser seltsamen Zeit Einzug in unser Leben hielt. Wir lernten Geduld. Ein irres Phänomen.

Ja, wir wurden geduldiger. Natürlich nicht alle, manche wurden auch ungeduldiger oder aggressiver. Beim Autofahren etwa. Da hatte ich oft das Gefühl, die Leute führen in dieser Zeit noch rücksichtsloser und hupten schon wild drauflos, wenn man nicht bei Gelb schon oder nicht noch über die Kreuzung fuhr. Aber die meisten schienen ihren Alltagsgeschäften damals geduldiger und gelassener nachzugehen. Zumindest war das mein Eindruck und auch mein eigenes Gefühl. Ich war auch viel geduldiger als früher. Mir blieb ja auch nichts Anderes. Die Menschen warteten geduldig und mit angemessenem Abstand an den Kassen in den Supermärkten, in den Schlangen vor den Geld-Automaten und vor den kleinen Geschäften, die immer nur zwei oder drei Leute in den Laden ließen. Man stand geduldig herum und wartete. Eine anti-coronale Wartegemeinschaft. Sozusagen.

Wir kauften dadurch, dass wir überall warten mussten, inzwischen auch mit sehr viel mehr Bedacht ein. Wir überlegten uns im Vorfeld, was wir brauchten, erstellten Essenspläne, guckten vor dem Einkauf in den Vorratsschrank ob etwas fehlte, und wir kontrollierten noch im Supermarkt, ob wir auch alles, was auf der Liste stand, beisammen und nix vergessen hatten. Nicht, dass wir in zwei Wochen schon wieder losmussten. Das hatten wir früher nie gemacht. Vor der Krise sind wir einfach losgefahren, haben uns das aus dem Supermarkt geholt, wonach uns gerade war, und wenn wir etwas vergessen hatten, dann sind wir eben noch mal schnell losgedüst. Aber damals mussten wir ja auch ganz anders mit dem wenigen Geld, das wir hatten, umgehen. Und das ging sicherlich nicht nur uns so.

Wir unterhielten uns auch viel mehr mit den Menschen, die vor oder hinter uns in der Schlange standen. Ob wir sie kannten, spielte eigentlich gar keine Rolle. Die meisten waren einfach sehr freundlich und freuten sich über jede nette Unterhaltung. Man hatte ja viel Zeit. Wir achteten penibel darauf, den nötigen Sicherheitsabstand einzuhalten, um uns vor anderen und andere vor uns zu schützen. Auch die anderen achteten feinsäuberlich darauf. Zumindest die meisten. So trat man sich gegenseitig auch nicht mehr so oft auf die Füße. Das war auch nicht schlecht. Überhaupt achteten wir mehr auf unsere Mitmenschen. Brauchte jemand mehr Platz? Stand ich vielleicht irgendjemandem im Weg? Kommt mir da jemand zu nahe? Ja, wir nahmen unsere Mitmenschen irgendwie anders wahr als früher. Gar nicht mal so sehr als Gefahr - das natürlich auch, ja -, sondern als ein Gegenüber, das unter den gleichen Umständen leben musste, wie wir selbst. Irgendwie machte das Virus uns alle ein Stückweit gleich.

Natürlich galt das nicht für alle. Es hielten sich nicht alle an die Regeln, die nun fast überall galten. Sei es die Maskenpflicht, das Versammlungsverbot oder was es auch war. Natürlich hielten sich nicht alle daran.

Vor allem diejenigen nicht, die sich auch vorher nicht an Regeln halten konnten oder wollten. Weil sie meinten, sie wären mit einem Tempolimit gar nicht persönlich gemeint, oder weil sie dagegen waren. Weil sie diese „Freie Fahrt für frei Bürger!“ waren. Weil sie meinten, dass die Öffnungszeiten der Glascontainer in unserer Straße für sie nicht galten, oder sich nicht vorstellen konnten, wie nervig es für die Anwohner war, wenn auch noch abends um 21.00 Uhr oder Sonntagmittags die Flaschen in die Stahlbehälter donnerten. Oder es ihnen schlicht scheißegal war. Weil sie gar nicht einsahen, Steuern zu zahlen und ihre Kohle daher lieber auf irgendeiner Karibik-Insel parkten, als ihren Teil für das Gemeinwohl zu leisten. Wie alle anderen auch. Weil sie glaubten, sie und ihr Verhalten hätten nichts mit dem Klimawandel zu tun und darum hemmungslos um die Welt flogen, auf Kreuzfahrtschiffen Partys feiern und mit ihren fetten SUV durch die Gegend heizten. Weil sie sich für was Besseres hielten. Oder für etwas Besonderes, das mit dem allgemeinen Pöbel nichts zu tun hat. Weil, weil, weil. Es gab unendlich viele Gründe, warum sich manche Menschen partout nicht an Regeln hielten. Mangelnde Einsicht, mangelnde Rücksicht, mangelnder Gemeinsinn.

Aber die meisten hielten sich eben doch daran. Dafür war ich sehr dankbar. Und denjenigen, die sich nicht daran hielten wünschte ich einen Sack Flöhe an den Hals und Arme so kurz, dass sie sich nicht kratzen konnten. So. Das musste ich mal loswerden.

Geduld, Achtsamkeit und gegenseitige Wertschätzung. Wo wir das anderen Menschen entgegenbrachten, da bekamen wir es oft genauso zurück. Und es fiel den Menschen offensichtlich nicht einmal schwer. Das war schön. Hier bei uns im Dorf war das ja schon immer so. Da waren die meisten Menschen ohnehin immer sehr freundlich miteinander. Sogar zu uns. Und rücksichtsvoll. Außer am Glascontainer. Und auch nicht alle. Die meisten. Aber jetzt waren sie noch zugewandter, noch dankbarer für jedes freundliche Wort, für jeden kleinen Klönschnack über den Zaun, für jede helfende Hand. Und wir auch. An dieser Stelle hatte sich eine neue, eine veränderte Normalität in unser Leben geschlichen. Das Dorf entwickelte sich zu einer noch stärkeren Gemeinschaft, viel stärker noch als vor der Corona-Krise. Wie ich fand, eine ganz wunderbare Entwicklung. Hoffentlich würde sie auch nach der Krise andauern.

(Das hoffte ich schon allein deshalb, weil die Immobilienpreise einzubrechen drohten. Dieses Drama wollten wir nun nicht auch noch erleben. Nach dem ganzen Mist, den wir nun mit dem Verkauf unseres Hauses erlitten hatten. Vielleicht, so hofften wir doch so ganz vorsichtig, vielleicht würden die Preise zumindest auf dem Land noch relativ stabil bleiben, weil das Leben auf dem Lande mit dem ganzen Platz in den Gärten und in der freien Natur in diesen Zeiten weitaus angenehmer und komfortabler war als in der muffigen Enge vieler Städte. Fast unbezahlbar. Nur mal so nebenbei.)

Aber auch viele andere Dinge erfuhren in dieser Zeit auf eine wunderbare Weise eine ganz neue Wertschätzung. Die Leute fingen an irgendwelche kaputtgegangenen Geräte zu reparieren. Oder sie versuchten es wenigstens. Sie hatten genügend Zeit, sich die Dinge in Ruhe anzusehen. Es wurde hier geschraubt, da auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt. Mit mehr oder minder großem Erfolg natürlich. Vor langer Zeit angefangene Bastelprojekte, die nie fertig wurden und in den Kellern, auf den Dachböden und Werkstätten verstaubten, wurden wieder hervorgekramt und fortgeführt. Manch einer entdeckte eine ganz neue, vielleicht kreative Seite an und in sich und lebte sie nun aus.

Wenn am Anfang der Krise der Medienkonsum wahrscheinlich stark anstieg, weil man sich informieren wollte und die Langeweile vertreiben musste, schien es mir Ende April und Anfang Mai so, als hätten viele Menschen einfach keine Lust mehr auf noch mehr Informationen oder belangloses Zumüllen lassen durch die dreitausendfünfhundertdreiundachtzigste Folge von Frauentausch. Ich hatte mich auch dazu entschieden, meine Frau doch lieber zu behalten, allein schon, weil sie mir den Zündschlüssel für mein Motorrad irgendwann doch zurückgab. Sie war ja ohnehin die beste Ehefrau, die ich mir hätte wünschen können.

Die Leute entdeckten, dass sie mit ihrer vielen Zeit Besseres, Sinnvolleres und Schöneres anfangen konnten. Auch die Zeit von tiefgekühlter Pizza und Fertigprodukten ging bei vielen Familien allmählich zu Ende. Viele sehnten sich nach wochenlangem Fastfood- und Tiefkühlkostkonsums nach einer gesünderen und ausgewogeneren Ernährung oder sie unterstützten die örtlichen Gaststätten und Restaurants, indem sie ihre Speisenangebote in Anspruch nahmen. Sofern diese gastronomischen Betriebe auf die leckere Küche aus Togo umgestellt hatte und die Hungrigen auch genügend Geld hatten. Ja, es wurde mehr Wert auf gesünderes Essen gelegt. Ich beobachtete das, wenn ich im Supermarkt in der Schlange stand und mir so ansah, was die anderen so in ihren Einkaufswagen hatten. Das machte Hoffnung. Auch die Hamsterkäufe fanden plötzlich nicht mehr statt. Selbst Toilettenpapier war wieder zu bekommen. Ich war begeistert.

Sogar der Sport erlebte einen richtigen Boom. Immer mehr Menschen spürten einen Drang, sich zu bewegen. Sich körperlich zu spüren. Sie joggten, Nordic-walkten und radelten, was die Pedale hergaben. Wahrscheinlich passten sie allmählich vom vielen auf dem Sofa sitzen, Cola trinken und Chips essen, einfach nicht mehr in ihre Home-Office-Jogging-Hose. Und das Geld für eine größere Größe auch knapp oder gar nicht vorhanden war. Ich selbst rannte ja auch den ganzen Tag durchs Dorf und die Feldmark und erledigte viele Wege mit dem Rad statt mit dem Auto. Ich nahm während der Krise ziemlich viel ab und fühlte mich fit und agil wie lange nicht. Noch so ein positiver Effekt, den ich unbedingt mit in die „neue“ Normalität nehmen wollte.

Es wurde überhaupt mehr Wert auf Nachhaltigkeit gelegt. So kam es mir in dieser Zeit oft vor. Mehr Nachhaltigkeit beim Einkaufen, beim Verbrauchen, beim Verwenden und im Verhalten. Vielleicht wollte ich das auch nur so sehen, weil ich mich schon immer danach sehnte.  Wenn sich das alles, oder auch nur ein wenig davon, in die Zeit nach Corona retten würde, dann wäre es die Krise schon fast wert gewesen. Echt.

Ach, da war so Vieles, auf das ich für die „neue“ Normalität hoffte. Davon wird noch zu reden sein. Und wenn man den Blick darauf wendete, dann bot die Krise auch eine Riesenchance.

Wenn wir sie denn überleben sollten.

Persönlich, sozial und wirtschaftlich.

Ich war gespannt.

Sehr gespannt.

28. A

Vorwort

Ich hatte die letzten Wochen, in denen ich über die Krise berichtete, inständig gehofft, dieses Kapitel nicht schreiben zu müssen. Ich wollte es nicht schreiben, denn ich hatte Angst davor. Angst davor, dass all diejenigen, die schon am Anfang der Krise befürchteten und prophezeiten, dass die Regierung bei der Bewältigung der Krise versagen würden, Recht behalten würden. Angst davor, dass die ganzen Wutbürger, die ohnehin ständig ihren ungefilterten Hass und ihre Hetze über unsere Regierung im Netz ausschütteten, sich genüsslich zurücklehnen und sagen würden: Siehste!

Vor diesem Moment hatte ich wahnsinnige Angst.

Ich wollte dieses Kapitel nicht schreiben, denn ich vertraute unserer Regierung. Ich wollte ihr vertrauen, denn sie konnte es sich nicht leisten, das ganze Ding an die Wand zu fahren und zu versauen. Wir konnten es uns nicht leisten. Aber sie verspielte dieses Vertrauen allmählich. Sicher nicht mit böser Absicht. Nicht mit geheimer Verschwörung, um unser Volk zu vernichten, wie die Aluhüte unkten. Sondern mit Dilettantismus. Mit blankem Dilettantismus.

Ich wollte dieses Kapitel nicht schreiben.

Aber ich musste.

Leider.

28. B

Die angekündigten Staatshilfen, vor allem für Klein- und Solo-Selbstständige, liefen nicht so richtig gut an. Viel zu lange Bearbeitungszeiten und Prüfungen der wirtschaftlichen Verhältnisse der Antragstellenden führten dazu, dass die Bazooka, die Finanzminister Scholz zu Beginn der Krise rausholte, ziemlich schnell klemmte. Sie hatte erhebliche Ladehemmungen, mancher Schuss ging nach hinten los oder erwies sich als Blindgänger oder Querschläger. (Diese militärische Sprache ist eigentlich nicht meine, aber der BMF hatte sie so vorgegeben. Nun denn. Mir war sie verhasst.)

Das Geld kam einfach nicht so, wie es benötigt wurde – nämlich zeitnah und unbürokratisch – bei den Betroffenen an. Angefragte KFW-Hilfskredite wurden von den Hausbanken zu Tode geprüft, obwohl der Staat seine Ausfallhaftung für viele Bereiche auf 100 Prozent erhöht hatte. Die Banken hatten in diesen Fällen gar kein Risiko mehr. Andererseits stand ja nicht der Staat für nicht zurückgezahlte Kredite gerade, sondern der Steuerzahler. Also ich. Mal wieder. Wieder so ein Dilemma. Aber dennoch, das hätte deutlich schneller gehen müssen, denn viele Betriebe drohten während der Wartezeit auf eine Zusage, zusammenzubrechen. Ich hatte keine Ahnung, wo die Kohle im System steckenblieb oder versickerte.

Schlimmer noch sah es bei den sogenannten Soforthilfen aus, die nicht zurückgezahlt werden mussten. Davon sollten Solo-Unternehmer, Künstler und Freiberufler profitieren, denen die Umsätze von jetzt auf gleich völlig weggebrochen waren. Weil sie einfach nicht arbeiten durften und keinerlei Einnahmen mehr hatten. Gar keine. Diese Sofort-Hilfen sollten sie aber nur bekommen, um die Betriebskosten zu decken. Aber die hatten wir nicht. Wir hatten nur Lebenshaltungskosten, Mieten oder Darlehen für das Eigenheim, die wir mit unseren freiberuflichen Tätigkeiten bestritten und bedienten. Wir hatten keine großen und repräsentativen Büros, wir arbeiteten zuhause. Wir hatten keine große Firmenwagenflotten, keine Angestellten oder sonstige Betriebskosten. Wir erwirtschafteten einfach mit unserer Arbeit den Lebensunterhalt für uns und unsere Familien. Wir fielen also schlicht durch das Raster.

Wir mussten erst unter das Existenz-Minimum fallen, bevor wir wenigstens Grundsicherung beantragen konnten. Aber dann waren Haus und Hof schon weg. Und die ganze Existenz. Und wenn jemand diese Grundsicherung beantragte, so geschah es einem befreundeten Musiker,  und dann vielleicht noch das Konto in den Miesen war, was bei vielen Solo-Selbstständigen häufig der Fall war, dann sperrten die Banken auch noch die Konten und bestanden auf einen sofortigen Ausgleich des Minusbetrages. Es war wie beim Hauptmann von Köpenick. Nur nicht so lustig.

Sicher gab es unter den vielen Solo-Selbstständigen etliche, die wirtschaftlich schon immer auf  Kante nähten. Die erwirtschafteten gerade das Nötigste, was sie zum Leben und Überleben brauchten. Ein Knochenjob. Entweder psychisch oder physisch. Oder beides. Das waren oft wahre Idealisten, denen Geld und Wachstum für ihren eigenen Lebensentwurf nicht so wichtig waren. Sie kamen irgendwie mit dem, was sie erwirtschafteten, zurecht und das reichte ihnen. Seltsamerweise waren es auch gerade diejenigen, die in dieser Zeit in den Gärten und Innenhöfen der Alten- und Pflegeheimen Konzerte gaben, Wohnzimmerkonzerte und Live-Lesungen veranstalteten, um den isolierten Menschen in dieser schweren Zeit eine Freude machten. Kostenlos. Einfach so. Für nix. Weil sie Zeit hatten und ihre Arbeit liebten. Während die Vorstände in den DAX-Konzernen um ihre Boni feilschten. Ich bewunderte sie. Ob sie finanziell irgendwann mal etwas davon hatten oder haben würden, wusste ich nicht. Im Moment kämpften viele von uns einfach mit dem Mut der Verzweifelten gegen das wirtschaftliche Aus. Was blieb uns auch?

Ich selbst setzte Jahr für Jahr mit meiner Tätigkeit – wichtig oder nicht  - immerhin so viel um, dass ich regelmäßig den Spitzensteuersatz zahlen musste. Das ist für einen Freiberufler mit einer relativ kurzen Mitarbeiterin gar nicht mal so schlecht. Zumal Umsatz und Gewinn bei uns fast identisch waren. Was hatte ich schon für Betriebskosten? Mein Auto. Sprit. Druckerpatronen. Ja. Aber sonst? Fast nix. Wahrscheinlich konnte ich nicht mal die Masken, die ich bei den paar Gesprächen, die ich noch führen konnte, tragen musste, von der Steuer absetzen. Weil man die wegen der Maskenpflicht nicht absetzen durfte. (Haha, ein Witz!) Und so zahlte ich also regelmäßig den Spitzensteuersatz. Im Gegensatz zu VW oder Starbucks. (Die im Übrigen sofort Staatshilfen bekamen…)

Und wir konnten uns dennoch, obwohl wie keine Steuern hinterzogen oder irgendwie durch windige Abschreibungmodelle vermieden, auch einen angenehmen Lebensstandard leisten. Das hatten wir uns über viele Jahre auch verdient. Fand ich. Fand ich auch richtig. Aber jetzt? Wir hatten ja ziemlich hohe Lebenshaltungskosten. Wir hatten unser Haus, unsere Autos und auch mein Motorrad. Wir gingen gern essen und leisteten uns hier und da etwas. Unser Jüngster studierte in Graz, was uns auch monatlich eine ganz schöne Stange Geld kostete. Wir unterstützen ein Kind in Ecuador und spendeten hier und da etwas für soziale Projekte.  Ja. Das alles konnten wir bisher auch. War nie ein Problem. Und wir taten das gern. Dafür hatten wir auch immer hart gearbeitet. Wie alle anderen auch.

Jetzt aber standen wir ziemlich doof da. Und mit uns die unzähligen Künstlerinnen und Künstler, die nicht die Charts rockten, die nicht Millionen verdienten, aber unser kulturelles Alltagsleben so wertvoll bereicherten, all die freiberuflichen Taxi-Chauffeure, die ihre Autos stehen lassen mussten und so viele mehr. Von den Prostituierten ganz zu schweigen. Ich kann sie nicht alle aufzählen. Sorry.

Uns ging es dabei, verglichen mit vielen anderen, noch relativ gut. Wir hatten vorgesorgt. Weil wir es konnten. Zum Glück. Wir konnten Krise. Es war ja nicht das erste Mal, dass es uns den Boden unter den Füßen wegzog. Einige von Euch wissen das ja. Wir würden das selbst unter diesen schwierigen Bedingungen noch ein paar Monate durchhalten. Andere konnten das aber nicht. Die waren einfach ziemlich sofort am Arsch. Und denen musste man helfen. Und zwar sofort. Wenn sie denn nicht insolvent gehen sollten. Nicht Haus und Hof verlieren sollten. Wie gesagt, nicht, weil sie es nicht draufhatten. Sondern, weil sie nicht arbeiten durften. Und das galt für viele Freiberufler, ganz gleich, in welcher Branche sie tätig waren. Und diejenigen, die vielleicht eine Berufsausfallversicherung abgeschlossen hatten und jahrelang ihre Beiträge zahlten, durften sich nun mit den Versicherungen herumschlagen, weil sie tausend Tricks auf Lager hatten, die Auszahlung der zustehenden Gelder abzulehnen oder hinauszuzögern.  

Das ging so nicht, wenn wir nicht weite Teile unseres kulturellen Lebens und unserer selbstverantworteten Lebensweise verlieren wollten. Das ging so nicht. Das ging so nicht, wenn nicht viele kleine, private Vermieter ihre Existenzgrundlage verlieren sollten, weil ihre Mieter aufgrund von Kurzarbeit oder Einnahmeeinbrüchen ihre Miete nicht mehr zahlen konnten. Wenn wir nicht unsere wirtschaftliche Mitte, die das Leben in unserem Land hochhielt, verlieren wollten. Diese Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Das ging so nicht!

Es war ja großartig, dass die Bundes- und Länderregierungen diese weiten Rettungsschirme aufspannten. Und ich war damals begeistert und so hoffnungsfroh darüber, wie vehement und entschlossen die Regierung mit schwindelerregenden und nie dagewesenen Summen gegen die Krise ankämpfen wollte. Diese ganzen Versprechungen verpufften aber irgendwie. Die ganzen Ankündigungen brachten gar nichts, wenn die Hilfen nicht da ankamen, wo sie dringendst gebraucht wurden. Den markigen Worten mussten auch schnelle Taten folgen. Das passierte aber nicht. Zumindest funktionierten diese Taten nicht so, wie sie sollten.

Und die Regierung spannte auch Ende April und Anfang Mai noch Rettungsschirm um Rettungsschirm auf. Mal sollte für die eine oder andere Branche die Umsatzsteuer gesenkt werden, was aber nichts brachte, weil sie gar keine Umsätze hatte. Ob ich nun sieben oder neunzehn Prozent auf nix an den Fiskus abführen musste, war relativ egal. Mal wurde eine erneute Abwrackprämie für die Automobilindustrie in Aussicht gestellt, die aber auch nicht helfen würde, weil die meisten Menschen nun gerade - weiß Gott - andere Sorgen hatten, als sich Gedanken um die Anschaffung eines Neuwagens zu machen. Und auch gar kein Geld dafür hatten. Und ökologisch war das dann aber mal so was von unsinnig, weil es wieder nur die alte Verbrennungstechnik förderte, von der wir uns ja eigentlich verabschieden wollten. Mal wurde verarmenden Künstlern ein Gagenausgleich versprochen, aber nur dann, wenn sie in irgendwelchen Verbänden organisiert waren. Welcher Musiker – außer vielleicht in großen Orchestern – war das denn? So gut wie niemand! Das war alles Schaumschlägerei und brachte den meisten kleinen Krautern gar nichts.

Ich fand den Vorschlag einiger Ökonomen sehr interessant. Sie schlugen vor, den ganzen Kleinunternehmern und Solo-Selbstständigen einfach sechzig, siebzig oder achtzig Prozent ihrer Umsatzeinbußen zu erstatten. Ähnlich wie beim Kurzarbeitergeld. Ihre Verluste könnten sie anhand ihrer letzten Steuererbescheide ganz einfach nachweisen. Diejenigen, die brav und gesetzestreu all ihre Einnahmen und Umsätze in ihren Steuererklärungen angegeben hatten, wären dann endlich auch mal besser dran gewesen als die, die sich vor dem Fiskus immer armrechneten oder irgendwelche Einnahmen verschwiegen. Diesen Gedanken fand ich besonders schön. Und das sollte für alle Branchen gelten. Ob sie nun in irgendwelchen Verbänden organisiert waren oder nur so für sich allein herumwurschtelten.

Das wäre wahrscheinlich eine recht unbürokratische Möglichkeit gewesen, den betroffenen Menschen wirklich zu helfen. Schnell, effektiv und vor allem gerecht. Denn dann würde niemand hinten runterfallen oder vergessen werden. Und der Staat könnte sich das ganze Aufspannen von irgendwelchen Rettungsschirmen mit tausenden von Ausnahmen und Einschränkungen, die dazu führten, dass irgendwo noch ein neuer Schirm gespannt werden musste, sparen. Und wahrscheinlich wäre es auch billiger für den Staat. Also für den Steuerzahler, der ja für die ganze Scheiße irgendwann auch wieder geradestehen musste. Vielleicht war das Ganze aber auch nicht so einfach, wie ich mir das vorstellte. Und die Ökonomen, die das vorschlugen. Keine Ahnung. Aber kompliziert funktionierte augenscheinlich auch nicht.   

Ich bekam allmählich das ungute Gefühl, dass viele Menschen den ganzen Ankündigungen, Versprechungen und Absichtserklärungen der Regierenden nicht mehr trauten. Was heißt, das Gefühl? Ich sah es ja tagtäglich auf Facebook und Instagram. Oder in den Nachrichten. Die Stimmung kippte bedrohlich. Nichts funktionierte so richtig. Sei es bei der Beschaffung von Schutzausrüstung für das medizinische Personal in Krankenhäusern, in Pflegeeinrichtungen, in Arzt- oder Physiotherapiepraxen oder wo diese Menschen auch immer ihren segensreichen und so schwierigen Dienst am Nächsten verrichteten. Von ausreichend Schutzmasken für die Bevölkerung mal ganz zu schweigen.

Die Politik bekam es nicht einmal hin, die in Aussicht gestellte und vollmundig angekündigte Bonuszahlung in Höhe von eintausendfünfhundert Euro für Pflegekräfte auf den Weg zu bringen. Auch das scheiterte zunächst wieder an Zuständigkeiten, an überbordender Bürokratie und letztlich auch an der Frage, wer das eigentlich bezahlen sollte. Und Jens Spahn musste wieder zurückrudern. Wie so oft bei seinen Versprechungen und Aussagen. Die Betroffenen waren stinksauer. Zu Recht, wie ich fand. Später wurde dann eine abgespeckte Version dieses einmaligen Zuschusses beschlossen. Mal sehen, was daraus werden würde.

Ich persönlich ärgerte mich furchtbar über meine Hausbank, die Sparkasse. Schon Mitte März bot die Sparkasse ihren Firmen-Kund*innen an, dass Darlehen für drei Monate zins- und tilgungsfrei gestellt werden könnten, wenn man denn von der Krise wirtschaftlich getroffen war. Dies ginge ganz einfach online. Ich war betroffen. Und wie. Gesagt, getan. Doch Ende März zog die Bank die Raten dennoch ein. Angerufen, Ausflüchte angehört, wie „ja, das hat mit der Bearbeitung nicht richtig hingehauen…, aber nächsten Monat läuft das dann. Bestimmt! Einen schönen Tag noch und kommen Sie gut durch die Krise!“ Aha. Ende April, zack, die Kohle wieder eingezogen. Ich kochte vor Wut. Aber erreichen konnte ich niemanden. Abgetaucht. Weg. Die Sachbearbeiterin war nicht zu sprechen.

Ich fürchtete, wenn sich das nicht alles ganz schnell ändern würde, würde die ohnehin schon aufgeheizte Stimmung im Land gänzlich überkochen. Da braute sich richtig was zusammen und ich fing an, mir um den letzten kleinen Rest des sozialen Friedens in unserem Land, erhebliche Sorgen zu machen.

Wenn uns der gesellschaftliche Zusammenhalt nicht gänzlich um die Ohren fliegen sollte, dann mussten die Regierenden jetzt energisch dafür sorgen, dass ihre Versprechungen auch wahr würden. Sonst würden die Politikverdrossenheit und die Wut auf „die da oben“ gewaltig und gefährlich zunehmen. Dazu durfte es nicht kommen und ich hoffte, dass die Regierung den Ernst der Lage endlich verstehen und umsteuern würde.

Ich hoffte es inständig.

28. C

Nachwort

Ich wollte dieses Kapitel nicht schreiben. Wirklich nicht.

29.

Eigentlich wollte ich lieber über meine Hoffnungen auf eine veränderte „Normalität“ schreiben als über das, was vielleicht alles nicht richtig lief. Über all die positiven Veränderungen, die durch diese Krise in unserer Gesellschaft sichtbar wurden. Oder werden würden. Oder werden sollten. So, wie ich das im vorletzten Kapitel angefangen habe Das hatte mir Freude gemacht. Das tat mir ja auch viel besser als das letzte Kapitel. Denn ich bin im Grunde weder ein notorischer Schwarzseher noch ein ewig grantelnder Nörgler. Ich sehe die Dinge gern positiv. So was wollte ich nicht schreiben. Wirklich nicht.

 Also mache ich jetzt auch damit einfach weiter. Über meine Hoffnungen schreiben. Dachte ich. Und nahm mir das ganz fest vor. Dann hätte ich etwas zu tun und müsste mir nicht so viele Sorgen machen. Schreiben kann ja auch therapeutische Wirkung haben. Hoffte ich. Und ich hoffte, dass der Staat seine Anstrengungen, die er unternahm, um die Wirtschaft – die große wie die kleine - nicht an die Wand fahren zu lassen, nun wirklich überprüfen und optimieren würde. Ich hoffte das um des gesellschaftlichen Friedens willen. Sehr. Aber dieses Thema hatte ich nun durch und alles gesagt, was ich dazu zu sagen hatte. Hoffte ich. Also wollte ich zurück zu meinen Hoffnungen und setze mich an meine alte klapprige Schreibmaschine:

„Am letzten Tag im April wurde auch endlich das Wetter besser. Es regnete endlich mal wieder. Es wurde auch Zeit, denn es war seit Wochen schon wieder so was von furztrocken, dass den Pflanzen schon wieder die Zunge aus dem Hals hing. Hatte es seit Beginn der Corona-Zeitrechnung überhaupt schon mal geregnet? Ich glaubte nicht. Ich konnte mich eigentlich nur an Sonne von acht bis abends erinnern. Nun aber regnete es endlich mal wieder. Und auch nicht nur so ein bisschen, sondern richtig. Auch am Maifeiertag war der Himmel wolkenverhangen und öffnete dann und wann seine lebensspendenden Schleusen.

Die Menschen sangen und tanzten vor Glück auf den Plätzen und Straßen, dass es nur so eine Freude war. Natürlich mit dem gebotenen Sicherheitsabstand und nur zu zweit. Das verstand sich von selbst.

Die ausgedörrte  Natur quietschte vor Vergnügen und genoss das kühlende Bad in vollen Zügen. Vor allem die Landwirte freuten sich von Herzen so recht über den Regen, denn auf ihren Äckern und Feldern dürstete es die Hälmchen und Rübchen schon ganz fürchterlich. So fürchterlich, dass es einem im Herzen jammerte.

Und nun war er da. Der Regen. Der langersehnte. Alles würde gut werden. Scheißwetter hatte ja auch etwas von vertrauter Normalität.“

Sowas wollte ich schreiben. Etwas Aufmunterndes. Etwas Hoffnungsfrohes und Heilendes. Etwas Positives eben.

Allerdings merkte ich ein paar Tassen leckeren Kaffees später leider auch, dass ich das noch gar nicht konnte. Über meine Hoffnungen und Träume schreiben. Obwohl ich es doch gerade ein paar Zeilen vorher noch geschrieben und angekündigt hatte. Und so sehr wollte.

Ich hätte so gerne über diese neue „Normalität“, über die ich im ersten und im vorletzten Kapitel geschrieben hatte, weitergeschwärmt. Geschwärmt haben wollen.

(Es war, ist und würde auch gar nicht so einfach sein, immer das grammatikalisch richtige Tempus zu finden, wenn man in der Gegenwart einen Rückblick auf die Zukunft schreibt. Oder schrieb. Oder geschrieben haben würde. Ich habe ja diese Geschichte mit einem Rückblick auf die Krise begonnen. Oder hatte? Naja. Aus unserem Biergarten heraus. Aus der Zukunft quasi. Aber wer machte sich über so was schon Gedanken? Ich schon!  Ich schreibe, schrieb, schrob, schreibte und würde geschrieben haben wollen, werden und dann auch irgendwann gehabt haben, was die deutsche Grammatik eben an gestalterischer Vielfalt so hergab. - Nebenbei und auf die Gefahr hin, dass ich abschweife. - Wie sollte ein Mensch aus einem fernen Lande jemals die deutsche Sprache richtig erlernen oder gar verstehen, wenn z.B. umfahren das glatte Gegenteil von umfahren bedeutet? Das war nicht leicht für jemanden, der in seiner Sprache keine Groß- und Kleinschreibung kannte und als geschlechtsanzeigenden Artikel nix als ein trauriges „the“ hatte. Andererseits war man mit einem „the“ gendergerechtsprachlich natürlich auf der sicheren Seite. Da konnte man nix falsch machen. Hatte auch was. Für mich war es aber in dieser Situation auch nicht immer einfach, das richtige Tempus aus den kruden Gedanken heraus zu sortieren. Aber für wen war es das schon? Oder wäre es? Oder würde es werden? Oder war es geworden? Ihr werdet damit schon klarkommen. Irgendwie. Oder seid damit klargekommen worden sein, ohne dass Ihr es gewusst haben würdet können. Oder auch nicht. Wie auch immer.)

Ja, ich hätte gern aus allen möglichen Perspektiven von dieser neuen Normalität berichtet. Aber es passierte einfach zu viel. Zu viel, als dass ich darüber einfach kommentarlos hinweggehen könnte. Oder konnte. Zu viel und zu schnell.

Hiob hatte sich schon wieder gemeldet. Der Lump.

(Ich wusste gar nicht so genau, ob Hiob in meiner Vorstellung männlich, weiblich oder divers war. Ich werde ihn/sie/divers daher künftig Lump*in nennen. Schon, um ein Zeichen für eine gendergerechte Sprache in unserer Gesellschaft zu setzen.)

Der/die/divers hatte sich aber mal so richtig in Stellung gebracht.

Ich hatte einen sehr unfreundlichen Brief von einem Abmahnanwalt bekommen. (In diesem Fall ist die männliche Form richtig, weil in dieser Drecksack-Firma nur Männer gelistet waren. Wunderte mich nicht wirklich.) Ja, genau! Diese Berufsgruppe, die offensichtlich nichts anderes zu tun hatte als…, naja, ich mich ja hier schon darüber ausgelassen.

Die Herren dieser Anwaltskanzlei hatten meine Firmenwebsite durchstöbert und waren auf ein Foto gestoßen, dass ich – wie ich nun mittlerweile herausgefunden hatte – samt Artikel auf der Corona-Special-Seite meiner Firma geteilt hatte. Eine Seite, auf der wir Menschen helfen wollten, sich in dieser so verwirrenden Zeit zurechtzufinden. Leider hatte dieses Bild – ganz spektakulär übrigens: eine einzelne Blume auf einem Stück Rasen -, das sinnbildlich die reduzierte Form noch zulässiger Trauerfeiern darstellen sollte,  mit dem Artikel den Weg auf meine Website gefunden. Ich hätte besser aufpassen müssen. Hatte ich aber nicht. Aber ich hatte ja in dieser Zeit eigentlich auch ganz andere Aufgaben und Sorgen. Mein Fehler. Zugegeben. Ich war so dämlich. Dumm gelaufen.

Nun verlangte man also 561,13 Euro von mir, um die Rechte des Fotografen zu wahren und ihn/sie/divers zu entschädigen. Welcher Schaden da auch immer entstanden war. Mist.

Nie wäre mir in den Sinn gekommen, die Rechte von Künstler*innen, Fotograf*innen oder Schriftsteller*innen infrage zu stellen oder gar zu verletzen. Das käme und kam mir nie in den Sinn. Sicher nicht. Urheberrechte waren mir heilig. Ich war ja als Autor selbst davon betroffen. Ich hätte auch nicht gewollt, dass irgendjemand meine geistigen Ergüsse für eigene Zwecke verwendet. Welche auch immer. Es sei denn, er/sie/divers hätte mich um Genehmigung nachgefragt. Dann wäre das natürlich etwas anderes gewesen. Das war klar.

Mir wäre aber auch nicht in den Sinn gekommen, im Falle der Nichtbeachtung des Urheberrechtes gleich einen Abmahnanwalt einzuschalten. Zumal ich keinen wirtschaftlichen Gewinn von der Verwendung dieses Bildes erwarten konnte. Und auch nicht erwartete. Und auch nicht hatte. Ich hätte mich/ihn/sie/divers schlicht aufgefordert, das schleunigst wieder zu löschen und das, bitte, bitte, nicht wieder zu tun. Einen Abmahnanwalt hätte ich aber sicherlich nicht engagiert. Mit Sicherheit nicht. Abmahnanwälte waren für mich der/die/divers Letzte. Und jeder/jede/divers, der/die/divers so einen Anwalt einschaltete, auch. Aber nun war es so und ich würde aus dieser Nummer wohl nicht mehr herauskommen. Super, das fehlte mir gerade noch.

Hiob war wirklich ein/eine/divers Lump*in. Aber so was von! Echt jetzt.

Die gendergerechte Schreibweise war zwar eine abwechslungsreiche Herausforderung für mich, brachte mich aber auch nicht wirklich weiter. Wie oder wohin auch? Sie machte mir auch keine rechte Freude mehr. Ich beherrschte sie mittlerweile blind. Brachte mir aber auch nix. Das lasse ich in Zukunft einfach wieder. Weil es für mich einfach einfacher ist. Und fürs Lesen sicher auch. Ich habe aber bewiesen, dass ich das kann, konnte oder gekonnt haben musste. Auf Grammatik hatte ich auch keine Lust mehr. Musste reichen. Nun wollte ich nicht mehr. Also Schluss damit. Es sei denn, jemand möchte, dass ich das der/die/divers durchhalte und das aktuelle Geschehen weiter durch alle möglichen Tempi jage. Dann mache ich das natürlich. Ehrensache. Dann hätte der/die/divers mir das aber auch gesagt haben müssen.

Wie sollte ich also unter diesen Umständen nun in diesem Kapitel noch zu meinen Hoffnungen kommen, über die ich eigentlich schreiben wollte? Geschrieben haben wollte? Ich hatte keine Ahnung.

Vielleicht sollte ich das für den Moment auch einfach lassen, mich lieber betrinken und es am folgenden Tag noch einmal versuchen. Wann immer der in meinem Tempus-Wirr-Warr auch sein sollte.

Vielleicht sah die Welt dann schon wieder anders aus. Nüchtern betrachtet war vieles besoffen doch schöner gewesen. Und einen Versuch war es wert. Oder würde es sein. Oder hätte es sein können. Keine Ahnung. War mir jetzt auch egal.

Prost!

30.

Aber das war natürlich auch keine Lösung. Das war es nie. Also ließ ich es lieber. Es war ohnehin sinnvoller, einen nüchternen Blick auf die mittlerweile sehr angespannte Situation im Land zu behalten. Gerade jetzt, wo die Stimmung so aufgeheizt war.

Allmählich wurden viele Menschen sehr ungeduldig. Sie wollten und konnten die einschränkenden Maßnahmen nicht mehr aushalten. Sie hatten Sehnsucht nach ihren Lieben, die sie nun schon wochen- oder gar monatelang nicht mehr gesehen hatten. Sie sehnten sich nach ihren Freunden, ihren Kollegen und Mitschülern. Sie wollten raus, unter Menschen, spielen, irgendwo etwas essen gehen, ins Kino oder sich in den Kirchen wieder zum gemeinsamen Gottesdienst versammeln. Sie wollten ihr soziales Leben zurück. Ich konnte das gut verstehen, wenn ich auch nicht sicher war, ob der Zeitpunkt nicht noch verfrüht war. Das wusste niemand. Woher auch?

War die Infektionskurve genügend abgeflacht? Drohte eine zweite, vielleicht noch stärkere Welle, wenn man den Lockdown zu früh beendete? Würde das Gesundheitssystem im Falle einer zweiten Welle vielleicht doch überfordert sein? Müsste man das Land dann im Zweifelsfalle ein zweites Mal dicht machen müssen? Fragen, auf die im Grunde niemand eine richtige Antwort hatte. Und ich auch nicht.

Aber es war eben auch zu beobachten, dass immer mehr Leute sich nicht mehr an die Abstandsregeln, an die Maskenpflicht oder die Versammlungsverbote hielten. Halten wollten. Der öffentliche und offene Protest wurde immer stärker vernehmbar. Die Politik musste darauf reagieren. Ansonsten drohte Chaos. Und sie reagierte darauf. Und natürlich auch darauf, dass die Industrie, der Handel und der Dienstleistungssektor immer vehementer darauf drängten, Geschäfte flächendeckend wieder zu öffnen und die Produktion im Land wieder hochzufahren. Einige Automobilhersteller hatten auch schon wieder, wenn auch nur in sehr reduziertem Umfang, den Betrieb aufgenommen. Ganz langsam.

Früher als vorher unter den Bundesländern und der Bundesregierung verabredet, sollten nun weitere und vor allem weitestgehende Lockerungen in Kraft treten. Die Angst vor dem sozialen und wirtschaftlichen Totalschaden wir riesengroß.

Spielplätze, Museen, zum Teil auch die Gastronomie sollten wieder geöffnet werden. Eigentlich alles. Außer Großveranstaltungen. Die würden wohl noch für eine lange, lange Zeit verboten bleiben. Und auch Gottesdienste sollten wieder stattfinden dürfen.

Auch in anderen Ländern wie Österreich und selbst Spanien wurden Lockerungen zugelassen. Das alles na-türlich nur unter Einhaltung der individuellen Hygienemaßnahmen. In anderen Ländern wurden die Zügel dagegen erstmals angezogen, weil die Infektionszahlen und Todesfälle sich so rasant erhöhten.

Am Maifeiertag kam es in Berlin und auch andernorts zu schweren Krawallen und Gewaltausbrüchen. Eigentlich waren solche Demonstrationen wegen des herrschenden Versammlungsverbotes noch untersagt. Aber die Wut, der Frust, die Angst um die eigene Existenz und der Widerstand gegen die Einschränkungen waren in einigen Bevölkerungskreisen mittlerweile viel stärker als die Einsicht, die Geduld oder gar die Angst vor eventuellen Strafen. Die Stimmung war in einigen Teile endgültig gekippt.

Und so kam es zu massiven Ausschreitungen. Polizei und Demonstranten standen sich feindselig gegenüber, es flogen Farbbeutel und Steine, Autos wurden in Brand gesetzt, Fernsehteams und Journalisten wurden angegriffen und verprügelt. Der Mopp war völlig aufgebracht. Solche Bilder sah man auch aus den USA und anderen Ländern. Der Unmut wuchs weltweit.

Die Leute konnten oder wollten nicht mehr. Und mir wurde bang ums Herz. Ich wusste nicht, wie das weitergehen würde. Wer wusste das schon?

Dieses Kapitel sollte auch das letzte werden, dass ich auf Facebook oder meiner Homepage vorveröffentlichte. Bisher hatte ich jeden, oder jeden zweiten Tag ein Kapitel gepostet. Um den Leuten da draußen eine kleine Freude zu machen. Und so war es auch. Es war schön, in den Kommentaren zu lesen, dass wirklich viele es tagtäglich verfolgten, was ich so zu sagen und zu schreiben hatte und schon freudig auf die nächste Folge warteten. Aber das stresste mich natürlich auch.

Und nun sollte damit Schluss sein. Ich wollte mich selbst nicht mehr so unter Druck setzten und musste auch meine Gedanken erstmal sortieren.